Heinrich Heine,
Kritiker der modernen Gesellschaft in den "Französischen Zuständen" und "Lutetia"
Heine, dessen
Eintritt in die bürgerliche Gesellschaft Deutschlands aus ökonomischen,
sozialen und politischen Gründen gescheitert war (ausführlich im empfehlenswerten
Handbuch Artikel: Der Außenseiter: Jude, Emigrant, Intellektueller. S. 34),
steht, als er im Mai 1831 nach Paris, „dem neuen Jerusalem“, „der Spitze der
Welt“, geht, vor dem Problem, wie er seinen Lebensunterhalt verdienen soll.
Deswegen erneuert er seine Verbindungen zum Verleger Cotta. Dieser gibt die
1798 in Tübingen gegründete „Augsburger Allgemeine Zeitung“ heraus, die man
wohl „die Allgemeine Zeitung von Europa nennen dürfte“, wie Heine in der
Vorrede zu den „Französischen Zuständen“ meint. In Süddeutschland und
Österreich ist sie die bedeutendste Zeitung und auch in Preußen ein
Spitzenblatt.
I
Der erste Artikel,
den Heine nach Augsburg liefert, ist ein Bericht über den „Salon“ (Sammons, Heinrich Heine, Stuttgart 1991, S.
72), d.h. über eine Gemäldeausstellung im Louvre. Dieser Bericht liefert später
den Titel für vier Sammel-Bände seiner Schriften, die Heine in den dreißiger
Jahren herausgibt.
1832 druckt Cottas
„Augsburger Allgemeine Zeitung“ eine Reihe von Heines Paris-Berichten über das
öffentliche Leben, das Verhältnis der Parteien, die Stimmung des Volkes und die
Julimonarchie samt ihrer politischen Protagonisten. Redakteur dieser Aufsätze
ist bei der Allgemeinen Zeitung Gustav Kolb, ein ernsthafter Liberaler, der
Heine beständig zugetan bleibt und eine ähnlich wichtige Rolle für ihn spielt
wie Campe in Hamburg. Heine begnügt sich nicht mit Einzelbeobachtungen, sondern
versucht sie symbolisch, metaphorisch und allegorisch auszuwerten, im
Bestreben, sich und seinen Lesern Klarheit über die Klassenverhältnisse, die noch
einmal von der bürgerlichen Revolution betrogene Volksmasse, auch über die
Fähigkeiten und das maskierte Wesen Louis-Philippes, zu verschaffen.
Heine begrüßt die
Julirevolution als Fortsetzung des unvollendeten Umsturzes von 1789 (Handbuch,
S.14). Die Julirevolution nimmt für ihn schon deshalb einen wichtigen Platz im
Befreiungskampf der Zeit ein, weil Trikolore und Bürgerkönigtum das Prinzip der
monarchischen Legitimität durchbrochen haben: Loius-Philippe „le roi des
barricades, le roi par la grace du peuple souverain“, verdankt seinen Thron
nicht seiner Geburt, sondern der Volkssouveränität. Zu den weiteren liberalen
Erfolgen von 1830, die Deutsche beeindrucken mußten (siebentausend dt.
Exilanten hielten sich derzeit in Paris auf), gehören die Abschaffung des
Katholizismus als Staatsreligion, das Ende der Pressezensur und die Erweiterung
des Wahlrechts.
Noch 1832 entschließt
sich Heine die ersten neun Artikel und Essays unter dem Titel „Französische
Zustände“ als sein erstes rein politisches Werk in Buchform herauszugeben. Dazu
schreibt er eine scharfe Vorrede. „Von allen Werken Heines hat keines so
gewaltige Ströme polizeilicher Tinte gekostet, wie die Vorrede zu seinen
Französischen Zuständen“ schreibt Heinrich Hubert Houben 1926. In diesem
Vorwort greift er die alle öffentlichen politischen Aktivitäten verbietenden
Bundestagsbeschlüsse (28.6.32) an und bezichtigt den preußischen König
Friedrich Wilhelm III. des Meineids, weil er sein Versprechen nach den sog.
Befreiungskriegen eine Verfassung zu gewähren, nicht erfüllte. Diese Vorrede
führt zu einem Streit mit Campe über die Zensur, mit dem Ergebnis, dass
„Französische Zustände“ gegen den Willen Heines mit einer zensierten Vorrede
erscheint.
Wollte Heine mit den
„Französischen Zuständen“ vorallem dem deutschen Publikum über Kultur und
Gesellschaft der Julimonarchie berichten, so sollte, in umgekehrter Richtung,
mit den zwei Teilen seines Buchs „De l`Allemagne“ deutsche Literatur und
Philosophie in Frankreich vermittelt werden. Während also die Deutschen vom
politischen Fortschritt in Frankreich lernen sollten, versuchte Heine das
revolutionäre und Potential der deutschen idealistischen Philosophie in
Frankreich nach Frankreich zu tragen und war damit ein Vermittler in beide
Richtungen.
II
1852 also 20 Jahre
nach Erscheinen der „Französischen Zustände“ schreibt Heine an Campe: „In
meinem Geiste formiert sich ein Buch, welches Blüte und Frucht, die ganze
Ausbeute meiner Forschungen während einem Vierteljahrhundert in Paris sein wird
und wo nicht als Geschichtsbuch, doch gewiß als eine Chrestomathie guter
publizistischer Prosa, sich in der deutsche Literatur erhalten wird.“ So
stellte sich Heine sein Parisbuch vor, das er nach dem alten lateinischen Namen
„Lutetia“ nennen wird. Dieses Hauptwerk des politischen Publizisten und
Vermächtnis des pacifiken Missionars, sein umfangreichstes Buch überhaupt,
bietet sich in einer Fülle von Aufsätzen dar, die zwischen 1840 und 1854
teilweise wieder als Korrespondenzberichte für die Augsburger Allgemeine entstanden.
Mit wachsender
zeitlicher Distanz zur Julirevolution, die ihn einst nach Paris gelockt hatte,
und mit schwindendem Abstand zur 48er Revolution, entwerfen die Berichte ein
nahezu vollständiges Bild der Julimonarchie im Scheitelpunkt ihrer Existenz.
Der Untertitel „Berichte über Politik, Kunst und Volksleben“ gibt nur eine
grobe Orientierung über die Vielfalt der behandelten Themen und Aspekte des
modernen Frankreichs. Die Berichte, Portraits, Geschichten, Kunstfeuilletons,
Anekdoten und Rezensionen berichten über die Rolle des Königs und der
wichtigsten Politiker, über Außen- und Innenpolitik und sie schildern das
glanzvolle kulturelle Leben in der „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ (Benjamin)
– ohne die sich ankündigenden sozialen Konflikte zu vergessen: Der Chronist der
Modernität, der seinen Anteil am Paris-Mythos geliefert hat, ist Dialektiker
genug, unter der glänzenden Oberfläche die subversive Kraft der wirtschaftlichen
Expansion wahrzunehmen.
Der eigentliche
Sieger der Julirevolution waren nämlich nicht die Handwerker und Arbeiter, die
sie durchgefochten hatten, sondern war das Großbürgertum. Heine schreibt 1839:
„Nicht für sich, seit undenklicher Zeit, nicht für sich hat das Volk geblutet
und gelitten, sondern für andre. Im Juli 1830 erfocht es den Sieg für jene
Bourgeoisie, die eben so wenig taugt wie jene Noblesse, an deren Stelle sie
trat, mit demselben Egoismus. Das Volk hat nichts gewonnen durch seinen Sieg,
als Reue und größere Not. Aber seid überzeugt, wenn wieder die Sturmglocke
geläutet wird und das Volk zur Flinte greift, diesmal kämpft es für sich selber
und verlangt den wohlverdienten Lohn.“
An der Macht war also
das Großbürgertum. Laut Marx die „aristocratie financiér“ oder wie es Börne
schon 1830 nannte die „neue Aristokratie“ über die Heine, ebenfalls im Herbst
1830 an Varnhagen schrieb, dass er diese „aristocratie bourgeoise“ noch mehr
hasse als Adel und Kirche. Und zwischen dieser „Aristokratie des Besitzes“ auf
der einen und den Besitzlosen auf der anderen Seite sieht Heine in seinem Buch
Lutetia den neuen entscheidenden Gegensatz. In Deutschland ist zum gleichen
Zeitpunkt immer noch der Gegensatz zwischen Fürsten und Volk bestimmend.
Die
fortgeschrittenere Konstellation in Frankreich wird von Heine in Lutetia
beschrieben und begrüßt, treibt doch die Bewegung der modernen kapitalistischen
Gesellschaft auf eine neue Revolution zu, die von 1848.
„Lutetia“ blieb in
Deutschland, das sich in den 50ern nicht mehr für den Vormärz interessierte,
der Erfolg versagt. Beim französischen Publikum landete er mit der Übersetzung
einen Volltreffer und wurde gefeiert.