Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

15.05.18

Georg Seeßlen über Provinz

Es gibt meh­re­re Grün­de da­für, dass sich in Bay­ern mehr als an­ders­wo die Folk­lo­re po­li­ti­sie­ren und die Po­li­tik folk­lo­ri­sie­ren las­sen muss­te. Ei­ner da­von liegt in der pa­ra­do­xen Er­zeu­gung der Pro­vinz durch die Auf­klä­rung. Wie­der­um nach­träg­lich näm­lich war die Sä­ku­la­ri­sa­ti­on un­ter dem Gra­fen Mont­ge­las als Trau­ma bar­ba­ri­schen Re­li­gi­ons­fre­vels er­schie­nen. Gar so arg aber war die Ent­eig­nung und Ent­mach­tung der Klös­ter nicht, sie wur­de selbst von ei­nem Teil der ka­tho­li­schen Kir­che als not­wen­di­ger Pro­zess der Rei­ni­gung und Kon­zen­tra­ti­on aufs Geist­li­che an­ge­se­hen. Was aber ent­stand, ne­ben der Not­wen­dig­keit, welt­li­che Ver­wal­tung an die Stel­le der kirch­li­chen Or­ga­ni­sa­tio­nen zu set­zen, war ein kul­tu­rel­ler Sog. Die Klös­ter wa­ren nicht nur In­stru­men­te der öko­no­mi­schen und po­li­ti­schen Macht, son­dern auch In­sti­tu­tio­nen von Bil­dung und Kul­tur. So war die Sä­ku­la­ri­sa­ti­on Aus­lö­ser ei­ner be­schleu­nig­ten Pro­vin­zia­li­sie­rung der Pro­vinz, die mit der ge­ziel­ten För­de­rung der Bil­dungs­ein­rich­tun­gen und der Kunst in den gro­ßen Städ­ten ein­her­ging. In die­ses Va­ku­um der »ab­ge­häng­ten« Pro­vinz stieß die iden­ti­täts­po­li­ti­sche Kam­pa­gne sehr er­folg­reich.
Die Zeit, 20/2018

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