Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

15.06.20

Will Tremper: Endlose Nacht (1963)

Es ist ziemlich erstaunlich, mit welchem Selbstbewusstsein Uwe Nettelbeck (1940-2007) im Alter von 23 Jahren diesem Film seine episodenhafte Struktur vorwirft und bemängelt, dass ihm ein stringenter Plot fehlt:

Die Flughafenpremiere
Zu Will Trempers zweitem Film "Die endlose Nacht" 
Die Zeit, 17. Mai 1963
Von Uwe Nettelbeck
Will Tremper ist um Einfälle nicht verlegen und versteht es, von sich reden zu machen. Es fallen ihm immer drei Filme auf einmal ein, und wenn er wirklich einen drehen will, benutzt er jede List, sich Geld zu verschaffen.
Versessen auf Publicity, kam er auf die Idee, die Uraufführung seines zweiten Films ins Atelier zu verlegen, und das war in diesem Fall die Abfertigungshalle des Berliner Flughafens Tempelhof. Schlag Mitternacht hatte er sie tatsächlich zusammen, die Prominenten und die Kritiker; und die Versammelten, aus allen Teilen der Bundesrepublik zusammengeflogen, konnten – leicht ermüdet teils, teils aufgekratzt – das kuriose Ereignis und "Die endlose Nacht" genießen.

Tremper hatte sich alles fein ausgedacht: Mercedes-Benz und Klöckner-Stahl zieren in Leuchtschrift die Flanken der Halle, emsig hatte er sie abgefilmt. Die beiden großen Firmen und ein paar Fluggesellschaften würden die Premiere, meinte er, schon finanzieren. Grausam, aber wohl vernünftig sagten sich diese hingegen: Gefilmt ist gefilmt, die Reklame kriegen wir auch gratis. Mehr noch: Die Flughafengesellschaft verlangte obendrein eine happige Miete.
Hanns Eckelkamp, Chef des Atlas-Filmverleihs, der nicht nur unser Land mit wichtigen Filmimporten versorgt, sondern sich auch mütterlich des siechen deutschen Films annimmt, half dem in Finanzschwierigkeiten steckenden Tremper als Koproduzent auf die Beine und finanzierte auch noch das nächtliche Trara, allerdings – denn Eckelkamp kann sein Geld auch besser anlegen – mit erheblich zusammengestrichenem Etat.
Daß Eckelkamp zahlte, ist hingegen ein gutes Zeichen: In ihm hat der junge deutsche Film einen unkonventionellen Mann gefunden, der nicht knausert, ebensowenig aber sein Geld zum Fenster hinauswirft, einen Verleiher, der sein Metier versteht und damit auch Erfolg hat.
Eckelkamps Schützling Tremper ist ein Außenseiter, ein unbekümmerter Autodidakt, von den müden Ästhetizismen der sogenannten Münchener Schule ebenso unberührt wie von der Routine der Altmeister.
Eine attraktive Ausnahmesituation ist die Unterlage, auf der Tremper seine Episoden zusammenknüpft: Nebel über Tempelhof, lahmgelegter Flugverkehr, erzwungener Aufenthalt für eine Nacht, bequem dabei die Einheit von Ort und Zeit. Es kann allerlei passieren in solcher Nacht, muß aber nicht; bei Tremper passiert übergenug, geht es unentwegt hochdramatisch zu.
Ein Schauspieler, ziemlich abgewrackt, kommt nicht mehr rechtzeitig nach Hannover und verliert so die Rolle seines Lebens.
Ein junger Geschäftsmann, gewitzt und nicht zimperlich in der Wahl seiner Mittel, hat Wechsel gefälscht, aus der Luft ist keine Rettung mehr zu erhoffen, hilflos harrt er der Entdeckung, kann auch seine nette Freundin nicht mehr losschlagen; der feiste Spediteur nimmt sie ihm dankend ab, zahlt jedoch keinen Pfennig.
Ein Chefmonteur nutzt die Frist noch zu einem flinken Seitensprung; eine Frau zum Gegenteil: Statt mit einem Italiener durchzubrennen, kehrt sie heim zu Mann und Kind.
Ein Starlet lungert abgebrannt herum, findet nicht mehr den rechten Anschluß, nur zwei miese Halbstarke, mit denen sie loszieht, um ein bißchen AFN zu hören.
Ein Amerikaner flirtet mit einer Flughafenangestellten, eine gemeinsame Zukunft, zärtlich zurechtgesponnen, zerrinnt im Morgengrauen: Die Flugzeuge fliegen wieder.
Das ist zwar gewandt mit Flughafenatmosphäre aufgeputzt (Kamera: Hans Jura) und durchweg gut gespielt (Werner Peters, Paul Esser, Harald Leipnitz, Karin Huebner, Wolfgang Spier, Gerda Blisse, Bruce Low), aber voller Unwahrscheinlichkeiten, mit unsinnigen Gags überladen, ohne Konzeption. Der Film ist streckenweise so indifferent, daß er ebensogut in Honolulu spielen könnte, er erzählt Geschichtchen, keine Zeitgeschichte: Der Orientierungspunkt ist die pure Sensation, und die ist privat.
Aber der deutsche Film ist schlecht, und man wird für Winzigkeiten dankbar; die unbedeutendste Talentprobe schafft Morgenstimmung. Man hütet sich, zart sprießende Pflänzlein roh zu zertrampeln. Tremper ist zwar kein Pflänzlein, hatte aber seine huldvolle Presse. Endlich ein deutscher Film, in dem man Wirklichkeit wiedererkennt, hieß die Parole.
Gewiß, sein Film hat glückliche Passagen. Die gelingen Tremper nebenher. Er läßt seine Schauspieler drauflosreden, überschüttet uns mit Plattheiten, die er so "aus dem Leben" fischt – was Wunder, daß, solch ein Film die Wirklichkeit mal schnell am Rockzipfel erwischt, losläßt und wieder erwischt. Tremper hat Talent, aber ein hemdsärmelig-kopfloses. Das DDR-Dorf In "Flucht nach Berlin" war ihm gelungen, die Fabel hingegen entsetzlich daneben geraten. "Die endlose Nacht" ist ohne zentrale Fabel. Momentaufnahmen, deftig koloriert, sind seine Stärke.
Wenn ein Kaufmann einen andern mit den Worten "ach ja, Landmaschinen, ich weiß schon, waren vor zwei Jahren noch in Leipzig" begrüßt, dann wird es dicht, dann ist ein Zustand getroffen. Oder es hockt eine polnische Jazzband herum, wird entdeckt, und der Ruf "Die Polen sind da" lockt alle zusammen. Ein Witz? Leider, und er trifft ebenfalls.
Mitunter gelingt ihm pralle Komik. Der Monteur eilt vom Seitensprung noch einmal schnell nach Hause, um sich zu vergewissern, ob seine Frau nicht ein gleiches tue, die aber liegt friedlich, häßlich mit Haarnetz im Bett. Ein irrer Dialog setzt ein. Erst wirft der Mann seiner Frau vor, daß sie in seiner Abwesenheit Taxi fährt (er hat es zufällig noch gesehen), und sie ihm, daß er so lange weg war. "Ich war Bier trinken", sagt er, sie: "Aber doch nicht bis vier!" Die beiden Sätze, dutzendfach wiederholt, treten qualvoll-komisch auf der Stelle.
Oder die plumpdeutsche Entrüstung des aufgebrachten Kleinbürgers, dem die Frau mit einem "Spaghettifresser" durchwill. Schwitzend schleppt er seine beiden Gören als Argumente auf den Flugplatz – und gewinnt. Seine Tirade gegen den Italiener ist bundesdeutsch in der Tat, sein Endsieg mitleiderregend.
Sein unkonventioneller Ellbogengebrauch bei der Produktion macht Tremper sympathisch, sonst ist er jedoch nicht der Mann, einen Alleingang künstlerisch zu bestehen. Er brauchte einen intelligenten Drehbuchautor, der seine Vitalität, sein Können nutzt, aber in den notwendigen Rahmen zwängt. Ohne diesen wird ihm sein Drauflos immer das gleiche einbringen: Gelungenes, Mißratenes, Unrichtigkeiten und Widersprüche in bunter, nichtssagender Mischung
Staudte hat sich arrangiert, Wicki ist ein Star, von Hofmann und Käutner ist nichts mehr zu erwarten, Bubis Kino tritt ermattet auf der Stelle, es fehlen ihm Geld und Intelligenz – da ist Tremper schon eine erfreuliche Erscheinung, ein Talent, wenn man relativiert. Vielleicht hat der arme deutsche Film mit ihm eine Chance, aber nur dann, wenn Tremper begreift, daß es mit Handwerk, ein paar Einfällen und Dahinwursteln nicht getan ist.

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