Es ist ziemlich erstaunlich, mit welchem Selbstbewusstsein Uwe Nettelbeck (1940-2007) im Alter von 23 Jahren diesem Film seine episodenhafte Struktur vorwirft und bemängelt, dass ihm ein stringenter Plot fehlt:
Die Flughafenpremiere
Zu Will Trempers zweitem Film "Die endlose Nacht"
Die Zeit, 17. Mai 1963
Von Uwe Nettelbeck
Will Tremper ist um
Einfälle nicht verlegen und versteht es, von sich reden zu machen. Es
fallen ihm immer drei Filme auf einmal ein, und wenn er wirklich einen
drehen will, benutzt er jede List, sich Geld zu verschaffen.
Versessen auf
Publicity, kam er auf die Idee, die Uraufführung seines zweiten Films
ins Atelier zu verlegen, und das war in diesem Fall die
Abfertigungshalle des Berliner Flughafens Tempelhof.
Schlag Mitternacht hatte er sie tatsächlich zusammen, die Prominenten
und die Kritiker; und die Versammelten, aus allen Teilen der
Bundesrepublik zusammengeflogen, konnten – leicht ermüdet teils, teils
aufgekratzt – das kuriose Ereignis und "Die endlose Nacht" genießen.
Tremper hatte sich alles fein ausgedacht: Mercedes-Benz
und Klöckner-Stahl zieren in Leuchtschrift die Flanken der Halle, emsig
hatte er sie abgefilmt. Die beiden großen Firmen und ein paar
Fluggesellschaften würden die Premiere, meinte er, schon finanzieren.
Grausam, aber wohl vernünftig sagten sich diese hingegen: Gefilmt ist
gefilmt, die Reklame kriegen wir auch gratis. Mehr noch: Die
Flughafengesellschaft verlangte obendrein eine happige Miete.
Hanns Eckelkamp, Chef
des Atlas-Filmverleihs, der nicht nur unser Land mit wichtigen
Filmimporten versorgt, sondern sich auch mütterlich des siechen
deutschen Films annimmt, half dem in Finanzschwierigkeiten steckenden
Tremper als Koproduzent auf die Beine und finanzierte auch noch das
nächtliche Trara, allerdings – denn Eckelkamp kann sein Geld auch besser
anlegen – mit erheblich zusammengestrichenem Etat.
Daß Eckelkamp zahlte,
ist hingegen ein gutes Zeichen: In ihm hat der junge deutsche Film
einen unkonventionellen Mann gefunden, der nicht knausert, ebensowenig
aber sein Geld zum Fenster hinauswirft, einen Verleiher, der sein Metier
versteht und damit auch Erfolg hat.
Eckelkamps Schützling
Tremper ist ein Außenseiter, ein unbekümmerter Autodidakt, von den
müden Ästhetizismen der sogenannten Münchener Schule ebenso unberührt
wie von der Routine der Altmeister.
Eine attraktive
Ausnahmesituation ist die Unterlage, auf der Tremper seine Episoden
zusammenknüpft: Nebel über Tempelhof, lahmgelegter Flugverkehr,
erzwungener Aufenthalt für eine Nacht, bequem dabei die Einheit von Ort
und Zeit. Es kann allerlei passieren in solcher Nacht, muß aber nicht;
bei Tremper passiert übergenug, geht es unentwegt hochdramatisch zu.
Ein Schauspieler, ziemlich abgewrackt, kommt nicht mehr rechtzeitig nach Hannover und verliert so die Rolle seines Lebens.
Ein junger
Geschäftsmann, gewitzt und nicht zimperlich in der Wahl seiner Mittel,
hat Wechsel gefälscht, aus der Luft ist keine Rettung mehr zu erhoffen,
hilflos harrt er der Entdeckung, kann auch seine nette Freundin nicht
mehr losschlagen; der feiste Spediteur nimmt sie ihm dankend ab, zahlt
jedoch keinen Pfennig.
Ein Chefmonteur nutzt
die Frist noch zu einem flinken Seitensprung; eine Frau zum Gegenteil:
Statt mit einem Italiener durchzubrennen, kehrt sie heim zu Mann und
Kind.
Ein Starlet lungert
abgebrannt herum, findet nicht mehr den rechten Anschluß, nur zwei miese
Halbstarke, mit denen sie loszieht, um ein bißchen AFN zu hören.
Ein Amerikaner
flirtet mit einer Flughafenangestellten, eine gemeinsame Zukunft,
zärtlich zurechtgesponnen, zerrinnt im Morgengrauen: Die Flugzeuge
fliegen wieder.
Das ist zwar gewandt
mit Flughafenatmosphäre aufgeputzt (Kamera: Hans Jura) und durchweg gut
gespielt (Werner Peters, Paul Esser, Harald Leipnitz, Karin Huebner,
Wolfgang Spier, Gerda Blisse, Bruce Low), aber voller
Unwahrscheinlichkeiten, mit unsinnigen Gags überladen, ohne Konzeption.
Der Film ist streckenweise so indifferent, daß er ebensogut in Honolulu
spielen könnte, er erzählt Geschichtchen, keine Zeitgeschichte: Der
Orientierungspunkt ist die pure Sensation, und die ist privat.
Aber der deutsche Film
ist schlecht, und man wird für Winzigkeiten dankbar; die unbedeutendste
Talentprobe schafft Morgenstimmung. Man hütet sich, zart sprießende
Pflänzlein roh zu zertrampeln. Tremper ist zwar kein Pflänzlein, hatte
aber seine huldvolle Presse. Endlich ein deutscher Film, in dem man
Wirklichkeit wiedererkennt, hieß die Parole.
Gewiß,
sein Film hat glückliche Passagen. Die gelingen Tremper nebenher. Er
läßt seine Schauspieler drauflosreden, überschüttet uns mit Plattheiten,
die er so "aus dem Leben" fischt – was Wunder, daß, solch ein Film die
Wirklichkeit mal schnell am Rockzipfel erwischt, losläßt und wieder
erwischt. Tremper hat Talent, aber ein hemdsärmelig-kopfloses. Das
DDR-Dorf In "Flucht nach Berlin" war ihm gelungen, die Fabel hingegen
entsetzlich daneben geraten. "Die endlose Nacht" ist ohne zentrale
Fabel. Momentaufnahmen, deftig koloriert, sind seine Stärke.
Wenn ein Kaufmann
einen andern mit den Worten "ach ja, Landmaschinen, ich weiß schon,
waren vor zwei Jahren noch in Leipzig" begrüßt, dann wird es dicht, dann
ist ein Zustand getroffen. Oder es hockt eine polnische Jazzband herum,
wird entdeckt, und der Ruf "Die Polen sind da" lockt alle zusammen. Ein
Witz? Leider, und er trifft ebenfalls.
Mitunter gelingt ihm
pralle Komik. Der Monteur eilt vom Seitensprung noch einmal schnell nach
Hause, um sich zu vergewissern, ob seine Frau nicht ein gleiches tue,
die aber liegt friedlich, häßlich mit Haarnetz im Bett. Ein irrer Dialog
setzt ein. Erst wirft der Mann seiner Frau vor, daß sie in seiner
Abwesenheit Taxi fährt (er hat es zufällig noch gesehen), und sie ihm,
daß er so lange weg war. "Ich war Bier trinken", sagt er, sie: "Aber
doch nicht bis vier!" Die beiden Sätze, dutzendfach wiederholt, treten
qualvoll-komisch auf der Stelle.
Oder
die plumpdeutsche Entrüstung des aufgebrachten Kleinbürgers, dem die
Frau mit einem "Spaghettifresser" durchwill. Schwitzend schleppt er
seine beiden Gören als Argumente auf den Flugplatz – und gewinnt. Seine
Tirade gegen den Italiener ist bundesdeutsch in der Tat, sein Endsieg
mitleiderregend.
Sein
unkonventioneller Ellbogengebrauch bei der Produktion macht Tremper
sympathisch, sonst ist er jedoch nicht der Mann, einen Alleingang
künstlerisch zu bestehen. Er brauchte einen intelligenten Drehbuchautor,
der seine Vitalität, sein Können nutzt, aber in den notwendigen Rahmen
zwängt. Ohne diesen wird ihm sein Drauflos immer das gleiche einbringen:
Gelungenes, Mißratenes, Unrichtigkeiten und Widersprüche in bunter,
nichtssagender Mischung
Staudte hat sich
arrangiert, Wicki ist ein Star, von Hofmann und Käutner ist nichts mehr
zu erwarten, Bubis Kino tritt ermattet auf der Stelle, es fehlen ihm
Geld und Intelligenz – da ist Tremper schon eine erfreuliche
Erscheinung, ein Talent, wenn man relativiert. Vielleicht hat der arme
deutsche Film mit ihm eine Chance, aber nur dann, wenn Tremper begreift,
daß es mit Handwerk, ein paar Einfällen und Dahinwursteln nicht getan
ist.
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