DER MORGEN DES 1. JANUAR erhob sich, wie jeder Morgen auf
der Welt, über unserem fragwürdigen Dasein. Ich erhob mich ebenfalls und schenkte
dem Morgen meinerseits vergleichsweise viel Aufmerksamkeit – er war neblig,
ohne übertrieben neblig zu sein, ein normaler nebliger Morgen; auf den Unterhaltungssendern
war das Neujahrsprogramm im Gang, doch ich kannte keine einzige der
Sängerinnen, es erschien mir allerdings, als müsse die sexy Latina gegenüber
der betreffenden Keltensängerin zurückstecken, aber von diesem Lebensaspekt
hatte ich nur ein bruchstückhaftes und vages, im Ganzen optimistisches Bild: wenn
die Zuschauer so entschieden hatten, dann war es in gewissem Sinne gut. Gegen
sechzehn Uhr ging ich zum Schloss. Aymeric war in seinen gewohnten Zustand
zurückgekehrt, war also verdrossen, verstockt und verzweifelt; leicht mechanisch
nahm er sein Sturmgewehr von Schmeisser auseinander und setzte es wieder
zusammen. Da sagte ich ihm, ich wolle schießen lernen.
„Wie schießen? Schießen, um dich zu verteidigen, oder Sportschießen?“
Er wirkte begeistert, dass ich ein konkretes, technisches Thema anschnitt, und
vor allem erleichtert, dass ich nicht auf das Gespräch vom Vorabend zurückkam.
„Etwas von beidem, glaube ich.“ Tatsächlich würde ich mich
nach meinem Zusammentreffen mit dem Ornithologen mit einem Revolver wohler
fühlen; aber auch das Präzisionsschießen hatte etwas an sich, das mich schon
seit langem reizte.
Michel Houellebecq, Serotonin, S. 220.
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