Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

02.01.20

Michel Houellebecq: Serotonin


DER MORGEN DES 1. JANUAR erhob sich, wie jeder Morgen auf der Welt, über unserem fragwürdigen Dasein. Ich erhob mich ebenfalls und schenkte dem Morgen meinerseits vergleichsweise viel Aufmerksamkeit – er war neblig, ohne übertrieben neblig zu sein, ein normaler nebliger Morgen; auf den Unterhaltungssendern war das Neujahrsprogramm im Gang, doch ich kannte keine einzige der Sängerinnen, es erschien mir allerdings, als müsse die sexy Latina gegenüber der betreffenden Keltensängerin zurückstecken, aber von diesem Lebensaspekt hatte ich nur ein bruchstückhaftes und vages, im Ganzen optimistisches Bild: wenn die Zuschauer so entschieden hatten, dann war es in gewissem Sinne gut. Gegen sechzehn Uhr ging ich zum Schloss. Aymeric war in seinen gewohnten Zustand zurückgekehrt, war also verdrossen, verstockt und verzweifelt; leicht mechanisch nahm er sein Sturmgewehr von Schmeisser auseinander und setzte es wieder zusammen. Da sagte ich ihm, ich wolle schießen lernen.
„Wie schießen? Schießen, um dich zu verteidigen, oder Sportschießen?“ Er wirkte begeistert, dass ich ein konkretes, technisches Thema anschnitt, und vor allem erleichtert, dass ich nicht auf das Gespräch vom Vorabend zurückkam.
„Etwas von beidem, glaube ich.“ Tatsächlich würde ich mich nach meinem Zusammentreffen mit dem Ornithologen mit einem Revolver wohler fühlen; aber auch das Präzisionsschießen hatte etwas an sich, das mich schon seit langem reizte.
Michel Houellebecq, Serotonin, S. 220.

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