Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

01.11.19

Filme von Lynne Ramsey

Ratcatcher (1999)

We Need To Talk About Kevin (2011)

A Beautiful Day (2017)











































Dank des Artikels "Abgründige Kindheiteiten" von Esther Buss (Jungle World, 17.10.2019) bin ich auf die sehr guten Filme der schottischen Regisseurin Lynne Ramsay gestoßen.

30.10.19

Josef Hader

Komm, süßer Tod (2000)
Silentium (2004)


Der Knochenmann (2009)


Der Aufschneider (2010)
















Das ewige Leben (20159













07.10.19

Synonymes


















Es war ein ziemlich großer Fehler diesen Film, in dem es darum geht, dass der Protagonist die französische Sprache lernt, auf deutsch anzuschauen. Außerdem war es ein Fehler in die Spätvorstellung zu gehen, denn sein Plot ist nicht die Stärke des Films.

Und der Zukunft zugewandt















Stefan Kurt als Leo Silberstein und Alexandra Maria Lara als Antonia Berger

Der Filmtitel entspricht dem zweiten Vers der Nationalhymne der DDR und ist passend gewählt. Die Kommunisten, die, wie z.B. Wilhelm Pieck, schon im Kaiserreich und der Weimarer Republik oppositionelle Politik gemacht hatten und 1933 zuschauen mussten, wie ihre Partei zerschlagen wurde, waren in den Jahren 1952 und 53, in denen der Film spielt, schließlich doch noch in die Situation geraten einen sozialistischen Staat aufbauen zu können. Um die Bevölkerung der DDR dafür zu gewinnen, hielten sie es für notwendig, deren Rolle im Nationalsozialismus und auch die stalinistischen Säuberungen zu tabuisieren. Dieses politisch-moralische Dilemma zeigt der Film am Beispiel der Figur der Antonia Berger, die sich, obwohl die SED ihr abverlangt über ihre Zeit in einem sowjetischen Lager zu schweigen, zum Verbleib in der DDR entscheidet

Robert Seethaler: Der Trafikant (2012)

Dieser relativ neue Roman erzählt in gekonnt klassischer Form (Er-Erzähler, Außenperspektive, meist personales Erzählverhalten, chronologisch) die Geschichte des Zeitungs- und Zigarettenverkäufers Franz Huchel. Der Roman ist trotz der konventionellen Erzählweise gut und nicht kitschig, was vermutlich an seinem Ende liegt (bzw., wenn man die Beziehungen betrachtet, die Franz in Wien knüpft, an seinen Enden).

Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott (1937)

Ein spannender, gut geschriebener, politischer Krimi, den nicht zu kennen, eine sehr große Bildungslücke war.

Hans-Ulrich Treichel: Der Verlorene (1999)

Ein kurzer Roman, der dadurch überzeugt, dass er konsequent aus der Sicht eines Heranwachsenden erzählt. Der Ich-Erzähler beschreibt die Welt der Erwachsenen so komisch, wie sie ist.

25.09.19

Horst Krüger: Das zerbrochene Haus

Horst Krügers Reflexionen zur eigenen Geschichte, die er in eine ziemlich gute literarische Form gebracht und 1966 veröffentlicht hat, habe ich aufgrund einer Besprechung der Zeit gelesen.

Armin Eich: Die römische Kaiserzeit

Wer Putin für kaltschnäuzig, Trump für machtbewusst, Johnson für skurril hält und dieses ereignisgeschichtlich angelegte Buch liest, z.B. im Zelt in Italien, wird sie künftig für Waisenknaben halten.
Besonders interessant sind die Kapitel über die jüdischen Aufstände und das frühe Christentum.
Das Buch ist 2014 erschienen.

17.09.19

Dorothee Ade und Andreas Willmy: Die Kelten

„Die Druiden nehmen in der Regel nicht am Krieg teil und zahlen auch nicht wie die übrigen Steuern […] Diese großen Vergünstigungen veranlassen viele, sich aus freien Stücken in ihre Lehre einweihen zu lassen, oder ihre Eltern und Verwandte schicken sie zu den Druiden. Wie es heißt, lernen sie dort eine große Zahl von Versen auswendig. Daher bleiben einige 20 Jahre lang im Unterricht." Caesar: De bello gallico, VI, 14

Was ein Druide 20 Jahre lang über Medizin, Natur, Recht, Religion und Mythos lernte, wissen wir leider nicht, weil die Kelten keine Schrift verwendeten. All ihr Wissen ging mit ihrer Kultur unter. 

Dorothee Ades und Andreas Willmys Einführung Die Kelten (Stuttgart 2012) liest sich gut, obwohl
der Verlag sich in dieser Reihe Mühe gibt, die Themen didaktisch aufzubereiten: Abbildungen, Karten, Kästen mit Quellen ergänzen den Text. Hier störte es mich nicht.

Eric H. Cline: 1177 v. Chr.



Neugierig geworden durch ein Kapitel in Armin Eichs "Söhne des Mars", in dem er den Untergang der bronzezeitlichen Hochkultur im sogenannten Seevölkersturm darauf zurückführt, dass "vermutlich aufgrund demographischen Drucks  (...) Teile der militärischen Gefolge nicht mehr kontrollierbar und integrierbar" (S. 135) waren, habe ich das Buch von Eric H. Cline: 1177 v. Chr. - Der erste Untergang der Zivilisation (Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2015, 336 Seiten) gelesen. Eindrücklich beschreibt er den Grad der Globalisierung im bronzezeitlichen Mittelmeerraum und dann, in welcher Reihenfolge die Staaten des 2. Jahrtausends v. Chr. untergangen sind. Zur Frage, wodurch sie untergegangen sind, bleiben seine Ausführungen leider blasser, weniger thesenstark als die von Armin Eich. Das Buch von Eric Cline gibt dennoch einen interessanten Einblick in das Fach der Altorientalistik und in seine Arbeitsweise.


Jens Harder: Gilgamesch


 




































Im Schwitzkasten der Antike
Für seine „Gilgamesch“-Adaption hat sich Jens Harder in eine versunkene Epoche eingefühlt. Das Ergebnis ist grafisch beeindruckend, hat aber auch einige Schwächen.
Ralph Trommer
Tagesspiegel, 3.3.2018 
Der Gegensatz könnte nicht größer sein: hier der Herrscher und Halbgott Gilgamesch, dessen hoher Hut (mögl. Helm) und gepflegte Haarpracht samt langem Bart seine gesellschaftliche Stellung betonen, dort das düstere Antlitz des Naturmenschen Enkidu, dessen verfilzte Haare in alle Himmelsrichtungen zeigen. Deren beider Gesichtshälften bilden zusammen das Einbandmotiv des neuen Comics von Jens Harder, einer Adaption des altbabylonischen „Gilgamesch“-Epos.
Jens Harder erlaubt sich einen kleinen Insider-Scherz, wenn er Enkidu, den Gefährten Gilgameschs, auf die Vorderseite neben den Titel setzt, und dem eigentlichen Helden nur die Rückseite gönnt. Die beiden Gesichtshälften zusammen könnten auch die „zwei Seiten“ desselben Helden darstellen – ein schönes Spiel mit den Interpretationsmöglichkeiten des Mythos.

05.04.19

Nachruf auf Tomi Ungerer






















Tomi Ungerer: Gegen den Strich
Nur zeichnend konnte er leben: Eine Erinnerung an den großen Tomi Ungerer
Von Georg Seeßlen, DIE ZEIT Nr. 8/2019
Sein Strich war Verletzung. Nicht nur in seinen "bösen" Zeichnungen, den Ikonen der amerikanischen Obszönität, den politrics und den Karnevalstänzen der Lust, sondern auch wo er heiter und kindlich scheint, zeichnete Tomi Ungerer die Haut nicht als Kontur, sondern als verletzte und verletzbare Grenze zwischen einem Wesen (und sei’s der Frosch in seinem Kamasutra) und der Welt. Etwas Unheimliches frisst immer an seinen Figuren, aber die lassen es sich gefallen.
Zum Schönsten, was er je gezeichnet hat, gehören winklige Turm-Architekturen und bizarre Maschinen, ein Uhrenturm, den schwarze Vögel umkreisen. Jean-Thomas Ungerer war der Sohn eines Uhrmachers und Turmuhrenfabrikanten in Straßburg, der starb, als Tomi vier Jahre alt war. Danach lernte er Krieg und Besatzung im Elsass kennen, ein Leben, in dem beide Seiten, die französische wie die deutsche, vor allem die Unterdrückung der anderen Seite pflegten. Er wich in ein nomadisches, abenteuerliches und gefährliches Leben aus, bis er endlich im Jahr 1956 in die USA kam und sich als Kinderbuch-Illustrator aus alltäglichem Elend befreite. Seine märchenhaften Kinderbücher kann man lesen wie Blicke in den Abgrund, und seine späteren zeichnerischen Blicke in diverse Abgründe wirken wie mit den Augen eines unschuldig-neugierigen Kindes gesehen.
In den Sechziger- und Siebzigerjahren gehörte Tomi Ungerer zur Grundausstattung des rebellisch-hedonistischen Bürgertums, das auf die großen Gesten der Befreiung gewartet hatte. Bob Dylan, Philip Roth, Andy Warhol, Frank Zappa, Robert Crumb, Charles Bukowski, Noam Chomsky, Gloria Steinem, mit allen diesen Helden der Befreiung hatte Tomi Ungerer gemeinsam, dass er eigentlich nirgendwo wirklich dazugehörte und dass viel von der Bewunderung für ihn auf Missverständnissen beruhte. Aber wer The Party gezeichnet hatte oder jenes Plakat, auf dem ein vietnamesischer Gefangener gezwungen wird, den Hintern der Freiheitsstatue zu küssen (Kiss for Peace), der hatte ein Anrecht darauf, in der gegenkulturellen WG präsent zu sein. Dabei war Ungerer immer Europäer geblieben, liebte die bürgerlichen Bildungsideale, entnahm seine Kompositionstechniken nicht den Comics und Filmen, sondern der europäischen Kunstgeschichte.
Und wenn man ihn schon – neben so vielem anderen (Märchenerzähler, Filmplakatgestalter, Spielzeugsammler, Werbegrafiker) – als Karikaturist bezeichnen kann, dann nicht als einen, der durch Übertreibung etwas sichtbar macht, sondern als einen, der durch eine Form hindurch auf den Grund schaut, bis an den Punkt, wo man dem Grauen begegnet. Tomi Ungerers Bilder sind vom Tod gezeichnet.
Wie kann man die Kunst eines großen Zeichners beschreiben? Nicht viel besser als damit, dass jede Linie, jede Schraffur, jeder Punkt etwas genau wiedergibt, was vorher verborgen war, und gleichzeitig ein eigenes Leben entwickelt. In all der Vielfalt von Ungerers Arbeiten: Was er auf Papier brachte, erkennt man auf Anhieb als seines. Als Teil eines Menschen, der nur zeichnend leben konnte – eines Kindes das die erwachsene Realität entsetzt, und eines Erwachsenen, der weiß, dass eine Rückkehr in die Kindheit nicht möglich ist. Als Mensch war Tomi Ungerer übrigens ein liebenswürdiger liberaler Humanist mit einem großen Herzen für seine Mitmenschen, aber sein Zeichenstift forderte unbarmherzig Wahrheit und Verletzung.
Neben einigen künstlerischen Wegbegleitern erkannten vor allem die Zensoren, was in ihm steckte. Nicht bloß sein Fornicon wurde ihnen zum Hassobjekt, viel mehr vielleicht noch jene Kinderbücher, in denen, nur zum Beispiel, Alkohol und Nikotin nicht aus der heilen Welt getilgt waren. Insgesamt waren da ein unerwünschtes Bild der Wirklichkeit und eine ebenso unerwünschte Traumwelt entstanden. Halb wurde er aus den USA vertrieben, halb zog es ihn zurück nach Europa; halb suchte er in einem ruralen Idyll Heimat, halb blieb er der nomadisch-urbane Chronist.
Diese beiden Zeichen-Welten umkreisten einander sein Leben lang, die fundamentale, sarkastische und mehr oder weniger schwarz-weiße Verachtung für die Welt der Erwachsenen einerseits und die zarte, rotzfreche Poesie der Drei Räuber, die von universalem Heimweh geprägten Pastelle im Großen Liederbuch andererseits.
Die Hölle ist das Paradies des Teufels benannte Ungerer eines seiner Bücher. Folgerichtig können Engel im Himmel eine wahre Hölle sehen. Wenn man genau hinschaut, erzählen viele Bilder Tomi Ungerers von dieser absurden Spaltung. So wie sich auf einem berühmten Plakat White Power und Black Power gegenseitig auffressen und man sich das Bild je nach Vorliebe mal so herum und mal so herum hängen kann, so fressen sich immer Harmonie und Gewalt, Himmel und Hölle, Sehnsucht und Wahrheit gegenseitig auf. Das Wesen der Wirklichkeit ist ihre Widersprüchlichkeit. Nur der lebendige Strich dieses Zeichners hat das überlebt. So wie nun auch Tomi Ungerers nach eigener Zählung vierten und endgültigen Tod.

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