Tomi Ungerer: Gegen den Strich
Nur zeichnend konnte er leben: Eine Erinnerung an den großen
Tomi Ungerer
Von Georg Seeßlen, DIE ZEIT Nr. 8/2019
Sein Strich war Verletzung. Nicht nur in seinen
"bösen" Zeichnungen, den Ikonen der amerikanischen Obszönität, den politrics und den Karnevalstänzen der
Lust, sondern auch wo er heiter und kindlich scheint, zeichnete Tomi Ungerer
die Haut nicht als Kontur, sondern als verletzte und verletzbare Grenze
zwischen einem Wesen (und sei’s der Frosch in seinem Kamasutra) und der Welt. Etwas Unheimliches frisst immer an seinen
Figuren, aber die lassen es sich gefallen.
Zum Schönsten, was er je gezeichnet hat, gehören winklige
Turm-Architekturen und bizarre Maschinen, ein Uhrenturm, den schwarze Vögel
umkreisen. Jean-Thomas Ungerer war der Sohn eines Uhrmachers und
Turmuhrenfabrikanten in Straßburg, der starb, als Tomi vier Jahre alt war.
Danach lernte er Krieg und Besatzung im Elsass kennen, ein Leben, in dem beide
Seiten, die französische wie die deutsche, vor allem die Unterdrückung der
anderen Seite pflegten. Er wich in ein nomadisches, abenteuerliches und
gefährliches Leben aus, bis er endlich im Jahr 1956 in die USA kam und sich als
Kinderbuch-Illustrator aus alltäglichem Elend befreite. Seine märchenhaften
Kinderbücher kann man lesen wie Blicke in den Abgrund, und seine späteren
zeichnerischen Blicke in diverse Abgründe wirken wie mit den Augen eines
unschuldig-neugierigen Kindes gesehen.
In den Sechziger- und Siebzigerjahren gehörte Tomi Ungerer
zur Grundausstattung des rebellisch-hedonistischen Bürgertums, das auf die
großen Gesten der Befreiung gewartet hatte. Bob Dylan, Philip Roth, Andy
Warhol, Frank Zappa, Robert Crumb, Charles Bukowski, Noam Chomsky, Gloria
Steinem, mit allen diesen Helden der Befreiung hatte Tomi Ungerer gemeinsam,
dass er eigentlich nirgendwo wirklich dazugehörte und dass viel von der
Bewunderung für ihn auf Missverständnissen beruhte. Aber wer The Party gezeichnet hatte oder jenes
Plakat, auf dem ein vietnamesischer Gefangener gezwungen wird, den Hintern der
Freiheitsstatue zu küssen (Kiss for
Peace), der hatte ein Anrecht
darauf, in der gegenkulturellen WG präsent zu sein. Dabei war Ungerer immer
Europäer geblieben, liebte die bürgerlichen Bildungsideale, entnahm seine
Kompositionstechniken nicht den Comics und Filmen, sondern der europäischen
Kunstgeschichte.
Und wenn man ihn schon – neben so vielem anderen
(Märchenerzähler, Filmplakatgestalter, Spielzeugsammler, Werbegrafiker) – als
Karikaturist bezeichnen kann, dann nicht als einen, der durch Übertreibung etwas
sichtbar macht, sondern als einen, der durch eine Form hindurch auf den Grund
schaut, bis an den Punkt, wo man dem Grauen begegnet. Tomi Ungerers Bilder sind
vom Tod gezeichnet.
Wie kann man die Kunst eines großen Zeichners beschreiben?
Nicht viel besser als damit, dass jede Linie, jede Schraffur, jeder Punkt etwas
genau wiedergibt, was vorher verborgen war, und gleichzeitig ein eigenes Leben
entwickelt. In all der Vielfalt von Ungerers Arbeiten: Was er auf Papier
brachte, erkennt man auf Anhieb als seines. Als Teil eines Menschen, der nur
zeichnend leben konnte – eines Kindes das die erwachsene Realität entsetzt, und
eines Erwachsenen, der weiß, dass eine Rückkehr in die Kindheit nicht möglich
ist. Als Mensch war Tomi Ungerer übrigens ein liebenswürdiger liberaler
Humanist mit einem großen Herzen für seine Mitmenschen, aber sein Zeichenstift
forderte unbarmherzig Wahrheit und Verletzung.
Neben einigen künstlerischen Wegbegleitern erkannten vor
allem die Zensoren, was in ihm steckte. Nicht bloß sein Fornicon wurde ihnen zum Hassobjekt, viel mehr vielleicht noch jene
Kinderbücher, in denen, nur zum Beispiel, Alkohol und Nikotin nicht aus der
heilen Welt getilgt waren. Insgesamt waren da ein unerwünschtes Bild der
Wirklichkeit und eine ebenso unerwünschte Traumwelt entstanden. Halb wurde er
aus den USA vertrieben, halb zog es ihn zurück nach Europa; halb suchte er in
einem ruralen Idyll Heimat, halb blieb er der nomadisch-urbane Chronist.
Diese beiden Zeichen-Welten umkreisten einander sein Leben
lang, die fundamentale, sarkastische und mehr oder weniger schwarz-weiße
Verachtung für die Welt der Erwachsenen einerseits und die zarte, rotzfreche
Poesie der Drei Räuber, die von
universalem Heimweh geprägten Pastelle im Großen
Liederbuch andererseits.
Die Hölle ist das
Paradies des Teufels benannte Ungerer eines seiner Bücher. Folgerichtig
können Engel im Himmel eine wahre Hölle sehen. Wenn man genau hinschaut,
erzählen viele Bilder Tomi Ungerers von dieser absurden Spaltung. So wie sich
auf einem berühmten Plakat White Power und Black Power gegenseitig auffressen
und man sich das Bild je nach Vorliebe mal so herum und mal so herum hängen
kann, so fressen sich immer Harmonie und Gewalt, Himmel und Hölle, Sehnsucht
und Wahrheit gegenseitig auf. Das Wesen der Wirklichkeit ist ihre
Widersprüchlichkeit. Nur der lebendige Strich dieses Zeichners hat das
überlebt. So wie nun auch Tomi Ungerers nach eigener Zählung vierten und
endgültigen Tod.