Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

25.09.19

Horst Krüger: Das zerbrochene Haus

Horst Krügers Reflexionen zur eigenen Geschichte, die er in eine ziemlich gute literarische Form gebracht und 1966 veröffentlicht hat, habe ich aufgrund einer Besprechung der Zeit gelesen.


Adam Soboczynski, DIE ZEIT 36/2019
Man ist wie­der wer
End­lich ist »Das zer­bro­che­ne Haus« wie­der er­hält­lich: Horst Krü­ger er­in­nert sich an sei­ne Ber­li­ner Kind­heit, sei­nen Wi­der­stand in der NS-Zeit, die Ge­sta­po-Haft und das tüch­ti­ge Le­ben im Wirt­schafts­wun­der­land Es ist ei­ne her­aus­ra­gen­de Idee, Horst Krü­gers Buch Das zer­bro­che­ne Haus. Ei­ne Ju­gend in Deutsch­land aus dem Jahr 1966 neu her­aus­zu­ge­ben. Es war über vie­le Jah­re nur noch an­ti­qua­risch er­hält­lich und ist heu­te längst ver­ges­sen, ob­wohl der Schrift­stel­ler und Jour­na­list zu den prä­gen­den Stim­men der Bun­des­re­pu­blik zähl­te und die­se Le­bens­er­in­ne­run­gen zu den be­rüh­rends­ten Bü­chern ge­hört, die das Gen­re zu bie­ten hat. Man muss nur die ers­ten Sät­ze le­sen, um die schwe­re­lo­se Kunst die­ses Au­tors zu be­grei­fen: »Ber­lin ist ein end­lo­ses Häu­ser­meer, in dem ein Strom von Flug­zeu­gen dau­ernd er­trinkt. Es ist ei­ne gro­ße Stein­wüs­te, die mich wie­der er­regt, wenn ich ihr ent­ge­gen­schwe­be: Mag­de­burg, Des­sau, Bran­den­burg, Pots­dam, Zoo.« Der Er­zäh­ler reist in den Sech­zi­ger­jah­ren aus dem Wes­ten in die Front­stadt. Es ist die Zeit ent­schie­de­ner Mo­der­ni­sie­run­gen, op­ti­mis­tisch wird West-Ber­lin zur au­to­ge­rech­ten Stadt mit neu­en »raf­fi­nier­ten Avus-Ver­tei­lern« und »ver­we­ge­nen Fern­seh­tür­men« ge­stal­tet. Krü­ger fährt vor die Bau­lü­cke, in der einst sein El­tern­aus in Ber­lin-Wes­tend ge­stan­den hat­te. Es ist aus­ge­bombt wor­den, die Lin­den ste­hen noch da. In die Lü­cke, die der Krieg ge­schaf­fen hat, tritt der Er­zäh­ler und ent­fal­tet in ei­ner sel­ten ge­le­se­nen Mi­schung aus pri­va­ten Er­in­ne­run­gen, all­ge­mei­ner Men­ta­li­täts- und So­zi­al­ge­schich­te sei­ne Ju­gend im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus.
Die Sied­lung Eich­kamp, in der Krü­ger auf­wächst, war nach dem Ers­ten Welt­krieg für Klein­bür­ger im Ber­li­ner Wes­ten er­rich­tet wor­den, um die Woh­nungs­not zu lin­dern. In den klei­nen Dop­pel- und Rei­hen­häu­sern, dort, wo die Stadt aus­franst, grenzt man sich ge­gen das »Pack«, das Ar­bei­ter­mi­lieu, ab. Von den Ho­no­ra­tio­ren son­dert man sich wie­der­um aus Ehr­furcht ab. Es sind die feins­ten Un­ter­schie­de ei­ner fast noch stän­disch ge­schich­te­ten Ge­sell­schaft, die den All­tag prä­gen. Der Va­ter ist Be­am­ter im preu­ßi­schen Kul­tus­mi­nis­te­ri­um, die Mut­ter ei­ne auf ex­tra­va­gan­te Wei­se krän­keln­de Haus­frau und Ka­tho­li­kin. Ge­gen die Ona­nie legt man dem Sohn wort­los ei­ne re­li­giö­se Schrift auf den Nacht­tisch, die vor Rü­cken­markslei­den warnt. Ge­gen die Ju­den hat man nichts, die sind ja im Vier­tel nicht so arm wie am Alex­an­der­platz, son­dern eben­falls Klein­bür­ger. Am Sonn­tag wird sich fein ge­macht und über dem Bra­ten klaus­tro­pho­bisch ge­schwie­gen. Krü­ger be­rich­tet von ei­ner Welt fer­ner Ge­fühls­käl­te und bie­der-or­dent­li­chem Fleiß, von ei­ner »tro­cke­nen Bü­ro­kra­tie des Da­seins«. Er sei, re­sü­miert er, »ein ty­pi­scher Sohn je­ner harm­lo­sen Deut­schen, die nie­mals Na­zis wa­ren und oh­ne die die Na­zis doch nie­mals ihr Werk hät­ten tun kön­nen«.
Krü­ger ist 13 Jah­re alt, als Hit­ler an die Macht kommt. Die fa­mi­liä­re An­pas­sung an das neue Re­gime er­folgt im Sturm, aber nicht durch ideo­lo­gi­sche Lehr­sät­ze, de­nen man sich an­schließt, son­dern durch un­be­stimm­te Ge­füh­le der Grö­ße, der Fei­er­lich­keit und Wei­he, die sich über Stadt und Land le­gen. Man ist auf ein­mal wer, und das selbst im be­schau­li­chen, fast dörf­li­chen Eich­kamp. Nichts Alt­ba­cke­nes und Kon­ser­va­ti­ves, wie das heu­te so ge­schichts­ver­ges­sen ge­dacht wirkt, dringt in das Vier­tel, eher im Ge­gen­teil, et­was Neu­es und Un­er­hör­tes, et­was Mo­der­nes und Gro­ßes: Es ist »ein Früh­lings­sturm, ein Sturm der deut­schen Ver­jün­gung«. Und da im­mer und zu al­len Zei­ten al­le mi­leu­ge­recht sa­gen und tun, was halt al­le so sa­gen und tun, kauft die Mut­ter dem Sohn eben ein Ha­ken­kreuz­fähn­chen für das Fahr­rad in ei­nem Wa­ren­haus, das noch in jü­di­schem Be­sitz ist: »Al­le Jun­gens hier in Eich­kamp ha­ben jetzt an ih­ren Rä­dern sol­che hüb­schen Wim­pel.«
Ein Na­zi wird der jun­ge Mann nicht, er wird – zu be­schei­den, um sich spä­ter so zu nen­nen – ein Wi­der­stands­kämp­fer. Es ist ei­ne fast bei­läu­fig, völ­lig un­ei­tel er­zähl­te Epi­so­de: Krü­ger freun­det sich mit ei­nem ver­wil­der­ten, an­ar­cho-lin­ken Schul­jun­gen na­mens Wan­ja (ei­gent­lich Lo­thar Kill­mer) an, der ei­nem il­le­ga­len, so­zia­lis­ti­schen Kreis an­ge­hört. Er über­nimmt Ku­rier­diens­te und ver­teilt Flug­blät­ter, und dass er dies für die Grup­pe tut, über­rascht ihn selbst am meis­ten, ob­gleich er das Na­zi-Reich ver­ach­tet: »Ich ha­be sie nie­mals ge­sucht, ich ha­be sie nie­mals ge­fragt, ich bin nie­mals ein Held ge­we­sen, ich rutsch­te so rein.«
Man rutscht so rein, in ein Mi­lieu, in ei­nen Kreis, in ei­ne Ge­sell­schaft. Die Me­lan­cho­lie in den Wer­ken von Krü­ger speist sich aus der Be­grenzt­heit der Op­tio­nen, die man im Le­ben hat. Nicht, dass man nicht ver­ant­wort­lich wä­re, aber die Flucht­we­ge im Lau­fe der Jah­re sind rar. Krü­ger lan­det, wie sei­ne Mit­ver­schwö­rer, im Knast. Nach we­ni­gen Mo­na­ten wird er aus der Ge­sta­po-Haft in Moa­bit auf Be­wäh­rung ent­las­sen, weil der Sohn aus so »an­stän­di­gem« Hau­se »viel­leicht noch für den völ­ki­schen Staat zu ret­ten« ist. Er stu­diert in Frei­burg bei Mar­tin Hei­deg­ger Phi­lo­so­phie und wird schließ­lich zur Wehr­macht ein­ge­zo­gen. Wan­ja und die meis­ten an­de­ren Mit­ver­schwö­rer blei­ben hin­ge­gen bis zum Kriegs­en­de im Ge­fäng­nis. Krü­ger – er ist in der Wehr­macht Fall­schirm­sprin­ger, ein Ge­frei­ter in Frank­reich – wird auch noch vor Ge­richt ge­bracht, al­ler­dings als Zeu­ge, ge­zwun­gen, ge­gen sei­ne Freun­de aus­zu­sa­gen, die »so klein und weiß und stumm« ge­wor­den sind. Ih­re »Köp­fe sind ge­schrumpft und he­ben sich aus der Fer­ne wie wei­ße Mäu­se blaß vor grü­nem Hin­ter­grund ab«.
Zu ei­nem Glanz­punkt des Bu­ches zählt ein Wie­der­se­hen mit sei­nem al­ten Freund über 20 Jah­re spä­ter in Ost-Ber­lin. Wan­ja hat­te Kar­rie­re beim Neu­en Deutsch­land ge­macht, ar­bei­te­te als Kor­re­spon­dent in Kai­ro. Ein him­mel­schrei­end dis­tan­zier­tes, win­ter­li­ches Tref­fen wird ge­schil­dert. Der Freund hat­te sich ganz dem Neu­sprech des re­al exis­tie­ren­den So­zia­lis­mus ver­schrie­ben, war nun sehr or­dent­lich ge­kämmt, ein Apa­rat­schik, dem nach der Haft die Ideo­lo­gie zum ori­en­tie­rungs­ge­ben­den Glau­bens­kor­sett ge­wor­den ist. Die Ge­füh­le sind ver­kap­selt, man kommt nicht mehr an sie her­an. Es gab ihn ja tat­säch­lich, den Neu­en Men­schen des So­zia­lis­mus, der nur frei wer­den konn­te, in­dem er der Frei­heit ent­sag­te. Horst Krü­ger er­zählt all dies be­wun­derns­wert sou­ve­rän mit Vor- und Rück­grif­fen in der Zeit. Die Ost­ber­li­ner Epi­so­de wird der Schil­de­rung der Haft vor­ge­zo­gen, es ent­steht ein Pan­ora­ma der er­in­ner­ten Zeit, kei­ne – dem Be­wusst­sein ja im­mer frem­de – li­nea­re Ent­fal­tung des Ge­sche­he­nen. Der Blick­win­kel, von dem aus er­zählt wird, ist fol­ge­rich­tig un­stet. Die Welt wird aus Kin­der­au­gen be­trach­tet, dann wie­der mit dem Wis­sen des er­wach­se­nen Er­zäh­lers der Nach­kriegs­zeit ein­ge­ord­net und ana­ly­siert. Das Aus­ge­spar­te ist in die­ser Er­zähl­kunst mar­kant, der Tod der El­tern 1945 bleibt ei­ne Leer­stel­le, die Aus­sa­gen vor Ge­richt auch. Aber vor al­lem ver­wei­gert der Au­tor dem Le­ser je­de mo­ra­li­sche Leh­re, die sich aus dem Ge­sche­he­nen ab­lei­ten lie­ße.
Das Buch en­det mit den Ausch­witz-Pro­zes­sen, die Krü­ger auf Ver­mitt­lung des hes­si­schen Ge­ne­ral­staats­an­walts Fritz Bau­er be­sucht. Sie gel­ten knapp 20 Jah­re nach Kriegs­en­de den meis­ten als hoff­nungs­los de­plat­ziert: »ein Ro­man des Schre­ckens, der in der Öf­fent­lich­keit Lan­ge­wei­le aus­löst: KZ-Greu­el – wer kann das noch hö­ren, wen soll das noch in­ter­es­sie­ren? Wir wis­sen doch al­les.« Es bleibt un­be­greif­lich, wie im Wirt­schafts­wun­der­land die Ver­gan­gen­heit ab­ge­spal­ten wur­de, als wä­re sie nur ein fer­ner Traum. Al­le sind un­end­lich tüch­tig, Frank­fur­ter »Ban­ken und und Kauf­häu­ser, Schau­fens­ter und Au­tos strah­len hier den kal­ten, schö­nen Glanz von In­dus­trie­pro­duk­ten aus«.
Ein »Ich«, ge­ra­de beim Schrei­ben jour­na­lis­ti­scher Tex­te, muss man sich leis­ten kön­nen. Es wirkt im Deut­schen, wenn man nichts Welt­hal­ti­ges zu er­zäh­len hat, wich­tig­tue­risch und un­be­hol­fen. Krü­ger hat fast nur Ich-Tex­te ge­schrie­ben, Rei­se­re­por­ta­gen und Feuille­tons, auch jah­re­lang für die ZEIT. Die­se Buch­ver­öf­fent­li­chung, ver­se­hen mit ei­nem le­sens­wer­ten Nach­wort von Mar­tin Mo­se­bach, kann nur der An­fang ei­ner Wie­der­ent­de­ckung sein. Die meis­ten Bü­cher Krü­gers – sie han­deln oft von Rei­sen in den Os­ten des Kon­ti­nents – sind nicht mehr er­hält­lich. Das ist ein biss­chen ver­rückt. So vie­le Hel­den, sei­en sie noch so ge­bro­chen, hat das Land ja nicht.
Horst Krü­ger: Das zer­bro­che­ne Haus. Schöff­ling & Co., Frank­furt 2019; 216 Sei­ten, 22,– €

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