Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

05.04.19

Nachruf auf Tomi Ungerer






















Tomi Ungerer: Gegen den Strich
Nur zeichnend konnte er leben: Eine Erinnerung an den großen Tomi Ungerer
Von Georg Seeßlen, DIE ZEIT Nr. 8/2019
Sein Strich war Verletzung. Nicht nur in seinen "bösen" Zeichnungen, den Ikonen der amerikanischen Obszönität, den politrics und den Karnevalstänzen der Lust, sondern auch wo er heiter und kindlich scheint, zeichnete Tomi Ungerer die Haut nicht als Kontur, sondern als verletzte und verletzbare Grenze zwischen einem Wesen (und sei’s der Frosch in seinem Kamasutra) und der Welt. Etwas Unheimliches frisst immer an seinen Figuren, aber die lassen es sich gefallen.
Zum Schönsten, was er je gezeichnet hat, gehören winklige Turm-Architekturen und bizarre Maschinen, ein Uhrenturm, den schwarze Vögel umkreisen. Jean-Thomas Ungerer war der Sohn eines Uhrmachers und Turmuhrenfabrikanten in Straßburg, der starb, als Tomi vier Jahre alt war. Danach lernte er Krieg und Besatzung im Elsass kennen, ein Leben, in dem beide Seiten, die französische wie die deutsche, vor allem die Unterdrückung der anderen Seite pflegten. Er wich in ein nomadisches, abenteuerliches und gefährliches Leben aus, bis er endlich im Jahr 1956 in die USA kam und sich als Kinderbuch-Illustrator aus alltäglichem Elend befreite. Seine märchenhaften Kinderbücher kann man lesen wie Blicke in den Abgrund, und seine späteren zeichnerischen Blicke in diverse Abgründe wirken wie mit den Augen eines unschuldig-neugierigen Kindes gesehen.
In den Sechziger- und Siebzigerjahren gehörte Tomi Ungerer zur Grundausstattung des rebellisch-hedonistischen Bürgertums, das auf die großen Gesten der Befreiung gewartet hatte. Bob Dylan, Philip Roth, Andy Warhol, Frank Zappa, Robert Crumb, Charles Bukowski, Noam Chomsky, Gloria Steinem, mit allen diesen Helden der Befreiung hatte Tomi Ungerer gemeinsam, dass er eigentlich nirgendwo wirklich dazugehörte und dass viel von der Bewunderung für ihn auf Missverständnissen beruhte. Aber wer The Party gezeichnet hatte oder jenes Plakat, auf dem ein vietnamesischer Gefangener gezwungen wird, den Hintern der Freiheitsstatue zu küssen (Kiss for Peace), der hatte ein Anrecht darauf, in der gegenkulturellen WG präsent zu sein. Dabei war Ungerer immer Europäer geblieben, liebte die bürgerlichen Bildungsideale, entnahm seine Kompositionstechniken nicht den Comics und Filmen, sondern der europäischen Kunstgeschichte.
Und wenn man ihn schon – neben so vielem anderen (Märchenerzähler, Filmplakatgestalter, Spielzeugsammler, Werbegrafiker) – als Karikaturist bezeichnen kann, dann nicht als einen, der durch Übertreibung etwas sichtbar macht, sondern als einen, der durch eine Form hindurch auf den Grund schaut, bis an den Punkt, wo man dem Grauen begegnet. Tomi Ungerers Bilder sind vom Tod gezeichnet.
Wie kann man die Kunst eines großen Zeichners beschreiben? Nicht viel besser als damit, dass jede Linie, jede Schraffur, jeder Punkt etwas genau wiedergibt, was vorher verborgen war, und gleichzeitig ein eigenes Leben entwickelt. In all der Vielfalt von Ungerers Arbeiten: Was er auf Papier brachte, erkennt man auf Anhieb als seines. Als Teil eines Menschen, der nur zeichnend leben konnte – eines Kindes das die erwachsene Realität entsetzt, und eines Erwachsenen, der weiß, dass eine Rückkehr in die Kindheit nicht möglich ist. Als Mensch war Tomi Ungerer übrigens ein liebenswürdiger liberaler Humanist mit einem großen Herzen für seine Mitmenschen, aber sein Zeichenstift forderte unbarmherzig Wahrheit und Verletzung.
Neben einigen künstlerischen Wegbegleitern erkannten vor allem die Zensoren, was in ihm steckte. Nicht bloß sein Fornicon wurde ihnen zum Hassobjekt, viel mehr vielleicht noch jene Kinderbücher, in denen, nur zum Beispiel, Alkohol und Nikotin nicht aus der heilen Welt getilgt waren. Insgesamt waren da ein unerwünschtes Bild der Wirklichkeit und eine ebenso unerwünschte Traumwelt entstanden. Halb wurde er aus den USA vertrieben, halb zog es ihn zurück nach Europa; halb suchte er in einem ruralen Idyll Heimat, halb blieb er der nomadisch-urbane Chronist.
Diese beiden Zeichen-Welten umkreisten einander sein Leben lang, die fundamentale, sarkastische und mehr oder weniger schwarz-weiße Verachtung für die Welt der Erwachsenen einerseits und die zarte, rotzfreche Poesie der Drei Räuber, die von universalem Heimweh geprägten Pastelle im Großen Liederbuch andererseits.
Die Hölle ist das Paradies des Teufels benannte Ungerer eines seiner Bücher. Folgerichtig können Engel im Himmel eine wahre Hölle sehen. Wenn man genau hinschaut, erzählen viele Bilder Tomi Ungerers von dieser absurden Spaltung. So wie sich auf einem berühmten Plakat White Power und Black Power gegenseitig auffressen und man sich das Bild je nach Vorliebe mal so herum und mal so herum hängen kann, so fressen sich immer Harmonie und Gewalt, Himmel und Hölle, Sehnsucht und Wahrheit gegenseitig auf. Das Wesen der Wirklichkeit ist ihre Widersprüchlichkeit. Nur der lebendige Strich dieses Zeichners hat das überlebt. So wie nun auch Tomi Ungerers nach eigener Zählung vierten und endgültigen Tod.

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