Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

15.05.18

Georg Seeßlen über Provinz

Es gibt meh­re­re Grün­de da­für, dass sich in Bay­ern mehr als an­ders­wo die Folk­lo­re po­li­ti­sie­ren und die Po­li­tik folk­lo­ri­sie­ren las­sen muss­te. Ei­ner da­von liegt in der pa­ra­do­xen Er­zeu­gung der Pro­vinz durch die Auf­klä­rung. Wie­der­um nach­träg­lich näm­lich war die Sä­ku­la­ri­sa­ti­on un­ter dem Gra­fen Mont­ge­las als Trau­ma bar­ba­ri­schen Re­li­gi­ons­fre­vels er­schie­nen. Gar so arg aber war die Ent­eig­nung und Ent­mach­tung der Klös­ter nicht, sie wur­de selbst von ei­nem Teil der ka­tho­li­schen Kir­che als not­wen­di­ger Pro­zess der Rei­ni­gung und Kon­zen­tra­ti­on aufs Geist­li­che an­ge­se­hen. Was aber ent­stand, ne­ben der Not­wen­dig­keit, welt­li­che Ver­wal­tung an die Stel­le der kirch­li­chen Or­ga­ni­sa­tio­nen zu set­zen, war ein kul­tu­rel­ler Sog. Die Klös­ter wa­ren nicht nur In­stru­men­te der öko­no­mi­schen und po­li­ti­schen Macht, son­dern auch In­sti­tu­tio­nen von Bil­dung und Kul­tur. So war die Sä­ku­la­ri­sa­ti­on Aus­lö­ser ei­ner be­schleu­nig­ten Pro­vin­zia­li­sie­rung der Pro­vinz, die mit der ge­ziel­ten För­de­rung der Bil­dungs­ein­rich­tun­gen und der Kunst in den gro­ßen Städ­ten ein­her­ging. In die­ses Va­ku­um der »ab­ge­häng­ten« Pro­vinz stieß die iden­ti­täts­po­li­ti­sche Kam­pa­gne sehr er­folg­reich.
Die Zeit, 20/2018

14.05.18

frühe sowjetische Filme


Der sympathische Komponist und DJ Gabriel Prokofiev aus London zeigte unterhaltsame Stummfilme, die er kongenial musikalisch begleitete. Die Filme sind erfreulicherweise im Internet zu finden:

Glumovs Diary (1923) von Sergei Eisenstein
Soviet Toys (1924) von Dziga Vertov
Chess Fever (1925) von Vsevolod Pudovkin und Nikolai Shpikovsky

Schönberg: Verklärte Nacht


Am 28. April konnten wir das Streichsextett "Verklärte Nacht" von Arnold Schönberg (1874–1951) in einem Konzert des Amaryllis-Quartetts hören. Schönberg komponierte das Werk mit 24 Jahren, inspiriert durch ein gleichnamiges Gedicht von Richard Dehmel. Die Uraufführung des 1899 entstandenen Werks fand 1902 statt.

Transit von Christian Petzold















Dem Regisseur ist, anders als nach der Lektüre von Tim Lindemanns Rezension erwartet, eine gute Romanverfilmung gelungen. Das heißt in diesem Falle, das erzwungene Warten, dem sich der Roman ausführlich widmet, in aller Kürze, die die Form Film erfordert, zu zeigen. Das geschieht z.B. durch ein literarisches Zitat beim amerikanischen Konsul oder durch den Selbstmord der Hundehalterin.
Es ist mir aber unklar, warum vieles, was man sieht, zudem von einer Stimme aus dem Off erzählt wird. Warum diese Verdoppelung, die ich schon in Melvilles "Schweigen des Meeres" enttäuschend fand? Hier wäre eventuell eine engere Orientierung am Roman, der den Erzähler nur am Anfang und am Schluss kenntlich macht, besser gewesen. Die Beziehung des Protagonisten zu einem Marsailler Jungen, die in der Radio-Reparatur-Szene gipfelt, zugleich die beste im ganzen Film, ist allerdings viel eindrucksvoller gestaltet als im Buch.

26.04.18

Anna Seghers: Transit (1944)


Ich hatte einen Roman im Stile Gustav Reglers Im Kreuzfeuer erwartet und musste auf den ersten Seiten an Hemingways Wem die Stunde schlägt denken, kenne Das siebte Kreuz nur als Hörspiel und war deswegen überrascht, wie literarisch Seghers Roman Transit ist. Die Sprache, die Charaktere und der Aufbau des Romans sind sehr ausgefeilt.
Schöne Vergleiche
Wir saßen vielleicht eine Stunde zusammen so schweigsam, als hätten wir später viel Zeit, unermeßlich viel Zeit zum Wortemachen, einträchtig, als könnte uns nichts mehr trennen. (Anna Seghers, Transit, Sammlung Luchterhand, Darmstadt und Neuwied 1978, S 103)
Ich wiederholte die Worte Claudines: „Ein Blatt kann eher zu seinem alten Zweig zurückfliegen.“ – Sie sagte vor sich hin: „Der Mensch ist kein Blatt. Er kann hin, wohin er will. Er kann auch zurück.“ Ihre Antwort bestürzte mich, als hätte mir ein Kind auf einen törichten Einfall weise geantwortet. (S.111)
Die Hauptfigur
Der namenlose Ich-Erzähler im Dialog mit dem ebenfalls namenlosen Arzt über den toten Schriftsteller Weidel: Da geriet ich ganz außer mir, ich rief: „Verlassen Sie sich nicht zu sehr darauf! Der Mann kann zurückkommen. Er ist vielleicht wirklich schon in der Stadt. Im Krieg ist alles möglich. (S. 100)
Der Arzt zu ihm: Sie lieber Freund, wenn ich mich nicht in Ihnen täusche, möchten gern zwei Leben haben; da es nacheinander nicht geht, dann nebeneinander, dann zweigleisig. Sie können es nicht.“ Ich rief erschrocken: „Wie kommen Sie darauf?“ (S. 101)
Sein Handeln charakterisiert den Ich-Erzähler (indirekte Charakterisierung). Er lügt, schlägt die Zeit tot, säuft.
Die Struktur
Eine Vorausdeutung aus der Rahmenerzählung (im Präsens):
Ich möchte gern wissen, ob die Montreal wirklich unterging (…) – Ich hatte nämlich durchaus die Möglichkeit mitzufahren. Ich hatte eine bezahlte Karte, ich hatte ein Visum, ich hatte ein Transit. Doch zog ich es plötzlich vor, zu bleiben. Auf dieser „Montreal“ gab es ein Paar, das ich einmal flüchtig gekannt habe. (S. 1)
Es folgt die Handlung, die im Präteritum erzählt wird, 1940 in Paris beginnt und dann größtenteils in Marseille spielt. Die historische Situation der Flüchtlinge, ihr verzweifeltes Ringen mit der Bürokratie, ist verwoben mit der Liebesaffäre zwischen dem Erzähler und Marie. Dass er sie „einmal flüchtig gekannt“ hat ist also eine Untertreibung, die ihn als „unzuverlässigen Erzähler“ kennzeichnet. Ein literarisches Mittel, das mich in einem Roman der 1941/42 entstand, überrascht hat. Fluchtgeschichte und Liebesgeschichte stehen gleichberechtigt nebeneinander. Nun bin ich gespannt auf die Verfilmung.

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