Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

26.04.18

Anna Seghers: Transit (1944)


Ich hatte einen Roman im Stile Gustav Reglers Im Kreuzfeuer erwartet und musste auf den ersten Seiten an Hemingways Wem die Stunde schlägt denken, kenne Das siebte Kreuz nur als Hörspiel und war deswegen überrascht, wie literarisch Seghers Roman Transit ist. Die Sprache, die Charaktere und der Aufbau des Romans sind sehr ausgefeilt.
Schöne Vergleiche
Wir saßen vielleicht eine Stunde zusammen so schweigsam, als hätten wir später viel Zeit, unermeßlich viel Zeit zum Wortemachen, einträchtig, als könnte uns nichts mehr trennen. (Anna Seghers, Transit, Sammlung Luchterhand, Darmstadt und Neuwied 1978, S 103)
Ich wiederholte die Worte Claudines: „Ein Blatt kann eher zu seinem alten Zweig zurückfliegen.“ – Sie sagte vor sich hin: „Der Mensch ist kein Blatt. Er kann hin, wohin er will. Er kann auch zurück.“ Ihre Antwort bestürzte mich, als hätte mir ein Kind auf einen törichten Einfall weise geantwortet. (S.111)
Die Hauptfigur
Der namenlose Ich-Erzähler im Dialog mit dem ebenfalls namenlosen Arzt über den toten Schriftsteller Weidel: Da geriet ich ganz außer mir, ich rief: „Verlassen Sie sich nicht zu sehr darauf! Der Mann kann zurückkommen. Er ist vielleicht wirklich schon in der Stadt. Im Krieg ist alles möglich. (S. 100)
Der Arzt zu ihm: Sie lieber Freund, wenn ich mich nicht in Ihnen täusche, möchten gern zwei Leben haben; da es nacheinander nicht geht, dann nebeneinander, dann zweigleisig. Sie können es nicht.“ Ich rief erschrocken: „Wie kommen Sie darauf?“ (S. 101)
Sein Handeln charakterisiert den Ich-Erzähler (indirekte Charakterisierung). Er lügt, schlägt die Zeit tot, säuft.
Die Struktur
Eine Vorausdeutung aus der Rahmenerzählung (im Präsens):
Ich möchte gern wissen, ob die Montreal wirklich unterging (…) – Ich hatte nämlich durchaus die Möglichkeit mitzufahren. Ich hatte eine bezahlte Karte, ich hatte ein Visum, ich hatte ein Transit. Doch zog ich es plötzlich vor, zu bleiben. Auf dieser „Montreal“ gab es ein Paar, das ich einmal flüchtig gekannt habe. (S. 1)
Es folgt die Handlung, die im Präteritum erzählt wird, 1940 in Paris beginnt und dann größtenteils in Marseille spielt. Die historische Situation der Flüchtlinge, ihr verzweifeltes Ringen mit der Bürokratie, ist verwoben mit der Liebesaffäre zwischen dem Erzähler und Marie. Dass er sie „einmal flüchtig gekannt“ hat ist also eine Untertreibung, die ihn als „unzuverlässigen Erzähler“ kennzeichnet. Ein literarisches Mittel, das mich in einem Roman der 1941/42 entstand, überrascht hat. Fluchtgeschichte und Liebesgeschichte stehen gleichberechtigt nebeneinander. Nun bin ich gespannt auf die Verfilmung.

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