Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

14.05.18

Schönberg: Verklärte Nacht


Am 28. April konnten wir das Streichsextett "Verklärte Nacht" von Arnold Schönberg (1874–1951) in einem Konzert des Amaryllis-Quartetts hören. Schönberg komponierte das Werk mit 24 Jahren, inspiriert durch ein gleichnamiges Gedicht von Richard Dehmel. Die Uraufführung des 1899 entstandenen Werks fand 1902 statt.

Transit von Christian Petzold















Dem Regisseur ist, anders als nach der Lektüre von Tim Lindemanns Rezension erwartet, eine gute Romanverfilmung gelungen. Das heißt in diesem Falle, das erzwungene Warten, dem sich der Roman ausführlich widmet, in aller Kürze, die die Form Film erfordert, zu zeigen. Das geschieht z.B. durch ein literarisches Zitat beim amerikanischen Konsul oder durch den Selbstmord der Hundehalterin.
Es ist mir aber unklar, warum vieles, was man sieht, zudem von einer Stimme aus dem Off erzählt wird. Warum diese Verdoppelung, die ich schon in Melvilles "Schweigen des Meeres" enttäuschend fand? Hier wäre eventuell eine engere Orientierung am Roman, der den Erzähler nur am Anfang und am Schluss kenntlich macht, besser gewesen. Die Beziehung des Protagonisten zu einem Marsailler Jungen, die in der Radio-Reparatur-Szene gipfelt, zugleich die beste im ganzen Film, ist allerdings viel eindrucksvoller gestaltet als im Buch.

26.04.18

Anna Seghers: Transit (1944)


Ich hatte einen Roman im Stile Gustav Reglers Im Kreuzfeuer erwartet und musste auf den ersten Seiten an Hemingways Wem die Stunde schlägt denken, kenne Das siebte Kreuz nur als Hörspiel und war deswegen überrascht, wie literarisch Seghers Roman Transit ist. Die Sprache, die Charaktere und der Aufbau des Romans sind sehr ausgefeilt.
Schöne Vergleiche
Wir saßen vielleicht eine Stunde zusammen so schweigsam, als hätten wir später viel Zeit, unermeßlich viel Zeit zum Wortemachen, einträchtig, als könnte uns nichts mehr trennen. (Anna Seghers, Transit, Sammlung Luchterhand, Darmstadt und Neuwied 1978, S 103)
Ich wiederholte die Worte Claudines: „Ein Blatt kann eher zu seinem alten Zweig zurückfliegen.“ – Sie sagte vor sich hin: „Der Mensch ist kein Blatt. Er kann hin, wohin er will. Er kann auch zurück.“ Ihre Antwort bestürzte mich, als hätte mir ein Kind auf einen törichten Einfall weise geantwortet. (S.111)
Die Hauptfigur
Der namenlose Ich-Erzähler im Dialog mit dem ebenfalls namenlosen Arzt über den toten Schriftsteller Weidel: Da geriet ich ganz außer mir, ich rief: „Verlassen Sie sich nicht zu sehr darauf! Der Mann kann zurückkommen. Er ist vielleicht wirklich schon in der Stadt. Im Krieg ist alles möglich. (S. 100)
Der Arzt zu ihm: Sie lieber Freund, wenn ich mich nicht in Ihnen täusche, möchten gern zwei Leben haben; da es nacheinander nicht geht, dann nebeneinander, dann zweigleisig. Sie können es nicht.“ Ich rief erschrocken: „Wie kommen Sie darauf?“ (S. 101)
Sein Handeln charakterisiert den Ich-Erzähler (indirekte Charakterisierung). Er lügt, schlägt die Zeit tot, säuft.
Die Struktur
Eine Vorausdeutung aus der Rahmenerzählung (im Präsens):
Ich möchte gern wissen, ob die Montreal wirklich unterging (…) – Ich hatte nämlich durchaus die Möglichkeit mitzufahren. Ich hatte eine bezahlte Karte, ich hatte ein Visum, ich hatte ein Transit. Doch zog ich es plötzlich vor, zu bleiben. Auf dieser „Montreal“ gab es ein Paar, das ich einmal flüchtig gekannt habe. (S. 1)
Es folgt die Handlung, die im Präteritum erzählt wird, 1940 in Paris beginnt und dann größtenteils in Marseille spielt. Die historische Situation der Flüchtlinge, ihr verzweifeltes Ringen mit der Bürokratie, ist verwoben mit der Liebesaffäre zwischen dem Erzähler und Marie. Dass er sie „einmal flüchtig gekannt“ hat ist also eine Untertreibung, die ihn als „unzuverlässigen Erzähler“ kennzeichnet. Ein literarisches Mittel, das mich in einem Roman der 1941/42 entstand, überrascht hat. Fluchtgeschichte und Liebesgeschichte stehen gleichberechtigt nebeneinander. Nun bin ich gespannt auf die Verfilmung.

24.04.18

Maria Magdalena















Rooney Mara als Maria von Magdala
















Joaquin Phoenix als Jesus von Nazareth

Regie: Garth Davis, 2018
Ein konventioneller Film über einen unkonventionellen Typen. Der Film besteht den Vergleich mit den Filmen von Pasolini und Monty Python leider nicht. Joaquin Phoenix spielt sehr pathetisch mit ständig gerunzelter Stirn, die Musik ist scheußlich. Gut sind die handgewebten Gewänder, die Passage, in der Maria ihre Familie verlässt und die Rolle des Judas Iskariot (Tahar Rahim), dem man abnimmt, dass er das Himmelreich erwartet.

17.04.18

Der Antoine-Doinel-Zyklus



Der Antoine-Doinel-Zyklus ist eine Reihe von vier Spielfilmen über das Leben der fiktiven Figur Antoine Doinel, die der Filmemacher und vormalige Filmkritiker François Truffaut zwischen 1958 und 1978 drehte: das Jugenddrama "Sie küssten und sie schlugen ihn" (1958), die Liebeskomödie "Geraubte Küsse" (1968), die Ehekomödie "Tisch und Bett (1970) und das Filmpuzzle
"Liebe auf der Flucht" (1978). Die Hauptfiguren Antoine und Christine werden gespielt von Jean-Pierre Léaud und Claude Jade.

20.01.18

Im Café der verlorenen Jugend (2007)

Patrick Modianos Protagonistin Louki erinnert an Peter Stamms "Agnes". Beiden fehlt der Vater, beide haben einen älteren Freund bzw. Ehemann, beide verschwinden.
In Modianos Roman erzählen vier verschiedene Figuren jeweils in der Ich-Form, dennoch ist sein Buch weniger verrätselt als das von Stamm, was nicht heißt, dass, um es zu verstehen, eine zweite Lektüre, am besten in Paris, nicht nötig wäre.

Auf halbem Weg zum wahren Leben
umgab uns eine düstere Melancholie,
die aus soviel spöttischen Worten sprach,
im Café der verlorenen Jugend.

Guy Debord

Hiob



















Gott im Gespräch mit Satan [Corrado Giaquinto (1703-1766)]

Christoph Türcke weist in einem Essay auf den kritischen Gehalt des Buchs Hiob hin. Denn in welches Licht rückt es Gott, wenn er sich durch Satan zu zwei Wetten (auf Kosten Hiobs) provozieren lässt? Interessant ist dann auch die Frage, wie es eine so ketzerische Erzählung in den Kanon geschafft hat.

Tyll

Daniel Kehlmanns Roman überzeugt durch plotlastige, spannende Szenen und gut recherchierte Schilderungen verschiedener Lebenswelten des 17. Jahrhunderts: Das Dorf, die Mühle, die Milieus der Gelehrten und Ordensleute, der Fürsten, Feldherrn und Söldner, die Szene der Diplomaten. Ein Höhepunkt ist der Dialog zwischen Friedrich V. und Gustav Adolf. Eindrucksvoll ist, wie Kehlmann den Stand des Wissens um 1650 vor Augen führt.
An wenigen Stellen fand ich den Roman zu didaktisch: manches, was uns der Autor über die die Zeit des Dreißigjährigen Krieges erklären will, sagen und denken seine Figuren, obwohl es als Selbstverständlichkeit des eigenen Lebens den Zeitgenossen wohl nicht der Rede wert gewesen wäre. Auch die Gesamtkonstruktion des Romans überzeugt nicht vollends, die Kapitel sind angeordnet, als wolle der Autor verschleiern, dass er chronologisch erzählt.

Blog-Archiv