Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

23.03.19

Notizen zu "Mario und der Zauberer"


Die inzwischen zahlreichen Streaming-Dienste bieten leider keine älteren Filme. So ist man immer noch auf DVDs angewiesen, wenn man sich Filmklassiker anschauen will. Gerade ist „Mario und der Zauberer“ auf DVD erschienen und man hat so die Möglichkeit sich diese Literaturverfilmung aus dem Jahr 1994 anzuschauen. Das ist möglicherweise für diejenigen interessant, die Thomas Manns gleichnamige Novelle aus den frühen Dreißigerjahren kennen und schätzen.
Darin steht der Zauberer im Mittelpunkt, seiner abendlichen Vorstellung sind 40 von 50 Seiten gewidmet, während Mario, die im Titel immerhin zuerst genannte Figur, nur einen kurzen Auftritt am Schluss hat. Wie stellt der Ich-Erzähler den Zauberer dar? Er nennt Cipolla, so heißt der Zauberer, „Hypnotiseur“ (S. 218), „Betrüger“ (231), „Gebieter“ (220), „Leiter“ (ebd.). Cipolla verlangt „Hörigkeit“ (222) und strahlt „Autorität“ (ebd.) aus. Die Zuschauer tanzen nach seiner Pfeife (224) und spenden Applaus. Er hat eine Gerte dabei. Er befiehlt („krümme dich!“ 207). Kurz: Er ist ein Verführer, ein Führertyp. Die Zuschauer folgen ihm, auch wenn er sie, wie z.B. den Giovanotto, angreift, sie sind in seinem Bann und gehen nicht, wie z.B. der Ich-Erzähler. Marios Attentat stoppt den Diktator.
Im Film ist Cipolla nur eine Figur unter anderen (Mario z.B. gewinnt im Film deutlich an Kontur, andere Figuren kommen hinzu), ist aber vielschichtiger gezeichnet. Die Kamera zeigt Klaus Maria Brandauer, der Cipolla spielt, in einem Garten verletzlich, und hilflos, als er am Abend einen Mord aufklären soll, was er augenscheinlich nicht kann. Die Kamera zeigt ihn in privaten Gesprächen, was ihn harmlos erscheinen lässt. Seine Hypnose- und Verführungskunst auf der Bühne sind weniger eindrücklich, weniger bedrohlich, weniger unheimlich als in der Novelle. Die politische Aussage verschiebt sich. Statt um Herrschaft und Gehorsam geht es im Film um Fremdenfeindlichkeit, um eine heuchlerische Sexualmoral, um korrupte Beamte, Karrierismus und nationalistische Honoratioren. Diesem recht plakativ vorgetragenen Potpourri entsprechen die Vielfalt der Perspektiven und die formale Überladenheit und Opulenz, die z.B. in einem sehr überflüssigen Feuerwerk zum Ausdruck kommen.
Demgegenüber erscheinen Aussage und Aufbau der Novelle, trotz ihres ausschweifenden Satzbaus, in ihrem Zuschnitt auf eine Hauptfigur, sehr reduziert, konzentriert und klar.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Blog-Archiv