Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

23.03.19

Andreas Gryphius: Einsamkeit (1650)


Andreas Gryphius: Einsamkeit (1650)

In dieser Einsamkeit der mehr denn öden Wüsten,
Gestreckt auf wildes Kraut, an die bemooste See,
Beschau’ ich jenes Tal und dieser Felsen Höh’
Auf welchem Eulen nur und stille Vögel nisten.

Hier, fern von dem Palast, weit von des Pöbels Lüsten,
Betracht ich, wie der Mensch in Eitelkeit vergeh,
Wie auf nicht festem Grund all unser Hoffen steh,
Wie die vor Abend schmähn, die vor dem Tag uns grüßten.

Die Höhl, der raue Wald, der Totenkopf, der Stein,
Den auch die Zeit auffrisst, die abgezehrten Bein
Entwerfen in dem Mut unzählige Gedanken.

Der Mauern alter Grau, dies ungebaute Land
Ist schön und fruchtbar mir, der eigentlich erkannt
Dass alles, ohn ein Geist, den Gott selbst hält, muss wanken.

Text aus: Günther Einecke / Maximilian Nutz (Hg.), deutsch kompetent, Stuttgart 2009, S. 126.
Das Gedicht wurde der 2018 aktuellen Rechtschreibung angepasst.

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