Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

12.11.16

Wolfgang Herrndorf

























Das Bild auf dem Umschlag ist von der Hand des Autors und hing lange an der Wand über seinem Schreibtisch, wie die Herausgeber seines Romanfragments "Bilder deiner großen Liebe" schreiben. Zu diesem Landschaftsgemälde passt z.B. das 25. Kapitel:
Ich gehe im Tannenwald bergan. Vor Hunger komme ich kaum noch voran. Es zerrt an meinen Eingeweiden. Es klappt mich zusammen. Ich reiße Blätter von Sträuchern ab, stopfe sie in den Mund und spucke sie wieder aus. Ich probiere weiter Bäume und Sträucher und Gräser, bis ich etwas finde, das einigermaßen schmeckt. Darauf  kaue ich herum. Aber viel hilft es nicht.
Als ich auf einen Wanderweg stoße, warte ich, bis Wanderer vorbeikommen. Ich frage sie nach Essen. Sie starren auf meine nackten Füße. Ein Mann fängt an mir Fragen zu stellen. Ich sehe, wie zwei andere ihre Handys rausholen. Sie schauen sich besorgt an, dann sehen sie mich an, dann steckt einer sein Handy wieder ein. Ich sage dem anderen, dass er das Handy auch wegstecken kann.
"Da im Tal", sage ich. "Da wohn ich. Da bin ich rauf. Ich hätte frühstücken sollen. Vor dem Bergsteigen muss man immer frühstücken.
Einige glauben mir, andere nicht. Eine Frau tritt an den Rand, sieht kein Haus und will die Polizei rufen. Ein Mann schüttelt den Kopf.
Ich nehme die Brote, die er mir hinhält, und gehe.
"Kannst wenigstens Danke sagen".
Nachdem ich alles gegessen habe, steige ich wieder in den Wald, weiter bergan.
Hinter einem Gebüsch stolpere ich über einen Kadaver. Eine Wolke Fliegen rauscht vor mir hoch. Ich nehme den Ellenbogen vors Gesicht. Da liegt ein Rehbock in einer Pfütze aus schwarzem Blut und ohne Augen. (...) (S. 99 f.)

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