Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

04.01.17

Faserland

In seinem ersten Roman hat Christian Kracht die Interpretation noch mit reingeschrieben. Am Ende seines Roadtrips, auf dem der Protagonist viel trinkt ("ich hätte gerne vier Brandy Alexander, bitte." S. 136) und Markenbewußtsein beweist ("In Hamburg ist alles, man kann es nicht anders sagen, Barbourgrün." S. 31), sehnt er sich nach einer Familie und einer kleinen Holzhütte in den Bergen:

"Jetzt, wenn der Sommer kommt, würden die Bienen summen, und dann würde ich mit den Kindern Ausflüge machen bis an die Baumgrenze, durch die dunklen Wälder streifen, und wir würden uns Ameisenhaufen ansehen, und ich könnte so tun, als würde ich alles wissen. (…) Ich würde ihnen von Deutschland erzählen, von dem großen Land im Norden, von der großen Maschine im Norden, von der großen Maschine, die sich selbst baut, da unten im Flachland. Und von den Menschen würde ich erzählen, von den Auserwählten, die im Innern der Maschine leben, die gute Autos fahren müssen und gute Drogen nehmen und guten Alkohol trinken und gute Musik hören müssen, während um sie herum alle dasselbe tun, nur eben ein klein bißchen schlechter. Und daß die Auserwählten nur durch den Glauben weiterleben können, sie würden es ein bißchen besser tun, ein bißchen härter ein bißchen stilvoller." (Fischer Taschenbuch, S. 158f. )

„Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“



„Es war die erste Nacht ohne das ferne Artilleriefeuer, es war die ganze Nacht still. Der Hund schlief auf dem steinernen Fussboden, und ich hörte seinen unregelmässigen Atem. Er zuckte mit den Pfoten, manchmal träumte ihm wohl. Ich lag im grauenvollen Nachthemd auf dem Holzbett, zerdrückte die Flöhe und das andere Getier, das mir auf der Haut herumlief, und rauchte Zigaretten. Die Laken waren schmutzig, und das Kissen roch nach Menschentalg, so konnte ich nicht schlafen.“ 

So beginnt der dystopische Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“. Er handelt von der letzten Phase des hundertjährigen Krieges einer schweizerischen Sowjetrepublik und seiner afrikanischen Verbündeten gegen die deutschen Angreifer. Man merkt dem Buch an, dass Christian Kracht an den rund 140 Seiten, wie er 2008 in einem Fernsehinterview sagte, vier Jahre arbeitete. Die schweizerische Orthografie ist nur ein kleines Beispiel dafür, dass hier alles durchdacht ist.



11.12.16

Christian Kracht: Imperium

Der Roman handelt von einem historisch verbürgten Aussteiger, der wenige Jahre vor Beginn der Ersten Weltkriegs in das deutschen Kolonialgebiete im Pazifik geht, dort eine Kokosnussplantage gründet und beschließt, sich ausschließlich von Kokosnüssen zu ernähren. Diese Expedition endet tragisch. Weil aber die ganze Geschichte im Stil der Jahrhundertwende, z.B. auch von einem auktorialen Erzähler, erzählt wird, ist sie auch Komödie. So gelingt es auf satirische und recht unterhaltsame Weise am Beispiel des August Engelhardt das deutsche Unbehagen an der Zivilisation zu kritisieren.

15.11.16

Cord Riechelmann über Klaus Behnken

Nachruf aus der Jungle-World: Vom SDS über den März-Verlag zum Zeitungsgründer: Was Klaus Behnken für die Linke bedeutet hat.

12.11.16

Christian Kracht: Die Toten

Ich war tatsächlich überrascht, dass es Gegegenwartsliteratur gibt, die so gut konstruiert, so dicht formuliert, auch aufwändig recherchiert und dabei sehr unterhaltsam ist. Der Mann versteht sein Handwerk.

Wolfgang Herrndorf

























Das Bild auf dem Umschlag ist von der Hand des Autors und hing lange an der Wand über seinem Schreibtisch, wie die Herausgeber seines Romanfragments "Bilder deiner großen Liebe" schreiben. Zu diesem Landschaftsgemälde passt z.B. das 25. Kapitel:
Ich gehe im Tannenwald bergan. Vor Hunger komme ich kaum noch voran. Es zerrt an meinen Eingeweiden. Es klappt mich zusammen. Ich reiße Blätter von Sträuchern ab, stopfe sie in den Mund und spucke sie wieder aus. Ich probiere weiter Bäume und Sträucher und Gräser, bis ich etwas finde, das einigermaßen schmeckt. Darauf  kaue ich herum. Aber viel hilft es nicht.
Als ich auf einen Wanderweg stoße, warte ich, bis Wanderer vorbeikommen. Ich frage sie nach Essen. Sie starren auf meine nackten Füße. Ein Mann fängt an mir Fragen zu stellen. Ich sehe, wie zwei andere ihre Handys rausholen. Sie schauen sich besorgt an, dann sehen sie mich an, dann steckt einer sein Handy wieder ein. Ich sage dem anderen, dass er das Handy auch wegstecken kann.
"Da im Tal", sage ich. "Da wohn ich. Da bin ich rauf. Ich hätte frühstücken sollen. Vor dem Bergsteigen muss man immer frühstücken.
Einige glauben mir, andere nicht. Eine Frau tritt an den Rand, sieht kein Haus und will die Polizei rufen. Ein Mann schüttelt den Kopf.
Ich nehme die Brote, die er mir hinhält, und gehe.
"Kannst wenigstens Danke sagen".
Nachdem ich alles gegessen habe, steige ich wieder in den Wald, weiter bergan.
Hinter einem Gebüsch stolpere ich über einen Kadaver. Eine Wolke Fliegen rauscht vor mir hoch. Ich nehme den Ellenbogen vors Gesicht. Da liegt ein Rehbock in einer Pfütze aus schwarzem Blut und ohne Augen. (...) (S. 99 f.)

Filme

Das Tagebuch der Anne Frank, 2016, Regie: Hans Steinbichler
Der Film ist konventionell aufgebaut, aber er macht eindrücklich klar, dass das Tagebuch von Anne Frank kein historisches Sachbuch, sondern ein Adoleszenzroman ist, zudem von einer sehr talentierten Schriftstellerin.

Vor der Morgenröte, 2016, Regie: Maria Schrader
Ein sehr gelungenes Stück zum Verhältnis von Kunst und politischem Engagement.
Einem Journalisten sagt Stefan Zweig: "Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungssüchtig." Im Anschluss an den Film habe ich Zweigs historische Miniatur über Napolenons Niederlage 1815 gelesen, "Die Weltminute von Waterloo".

Polizeiruf 110: Wölfe, 2016, Regie: Christian Petzold
Der Plot ist einfach, aber die Story ist gut. Zurückhaltend und dadurch wirksam setzt Petzold die Musik ein.

Tabus über dem Lehrberuf



1963 hielt Adorno den Vortrag Tabus über dem Lehrberuf, in dem er einige Motive der Abneigung gegen den Lehrberuf skizzierte:

  • Der Lehrer ist der Nachkomme von griechischem Sklaven, Mönch, Schreiber und Hofmeister.
  • Er hat sich anders als die freien Beruf nicht in der Konkurrenz zu bewähren.
  • Man nimmt seine Macht, da er sie nur über Kinder ausübt, nicht ernst.
  • Alle Pädagogik hat das Problem, dass „die Sache, die man betreibt, auf die Rezipierenden zugeschnitten wird, keine rein sachliche Arbeit um der Sache willen ist.“
  • Lange Zeit übten Lehrer körperliche Gewalt aus.
  • Man betrachtet ihn, „weil er in eine Kinderwelt eingespannt ist“, auch in erotischer Hinsicht nicht als Erwachsenen.
  • Man wirft ihm Weltfremdheit vor.
  • „Die Zivilisation, die er ihnen antut, die Versagungen, die er ihnen zumutet, mobilisieren in den Kindern automatisch die imagines des Lehrers, die im Laufe der Geschichte sich angehäuft haben.“
  • „Es ist darum so verzweifelt schwer für die Lehrer, es recht zu machen, weil ihr Beruf ihnen die in den meisten anderen Berufen mögliche Trennung ihrer objektiven Arbeit (…)vom persönlichen Affekt verwehrt.“

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