Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

04.01.17

„Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“



„Es war die erste Nacht ohne das ferne Artilleriefeuer, es war die ganze Nacht still. Der Hund schlief auf dem steinernen Fussboden, und ich hörte seinen unregelmässigen Atem. Er zuckte mit den Pfoten, manchmal träumte ihm wohl. Ich lag im grauenvollen Nachthemd auf dem Holzbett, zerdrückte die Flöhe und das andere Getier, das mir auf der Haut herumlief, und rauchte Zigaretten. Die Laken waren schmutzig, und das Kissen roch nach Menschentalg, so konnte ich nicht schlafen.“ 

So beginnt der dystopische Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“. Er handelt von der letzten Phase des hundertjährigen Krieges einer schweizerischen Sowjetrepublik und seiner afrikanischen Verbündeten gegen die deutschen Angreifer. Man merkt dem Buch an, dass Christian Kracht an den rund 140 Seiten, wie er 2008 in einem Fernsehinterview sagte, vier Jahre arbeitete. Die schweizerische Orthografie ist nur ein kleines Beispiel dafür, dass hier alles durchdacht ist.



11.12.16

Christian Kracht: Imperium

Der Roman handelt von einem historisch verbürgten Aussteiger, der wenige Jahre vor Beginn der Ersten Weltkriegs in das deutschen Kolonialgebiete im Pazifik geht, dort eine Kokosnussplantage gründet und beschließt, sich ausschließlich von Kokosnüssen zu ernähren. Diese Expedition endet tragisch. Weil aber die ganze Geschichte im Stil der Jahrhundertwende, z.B. auch von einem auktorialen Erzähler, erzählt wird, ist sie auch Komödie. So gelingt es auf satirische und recht unterhaltsame Weise am Beispiel des August Engelhardt das deutsche Unbehagen an der Zivilisation zu kritisieren.

15.11.16

Cord Riechelmann über Klaus Behnken

Nachruf aus der Jungle-World: Vom SDS über den März-Verlag zum Zeitungsgründer: Was Klaus Behnken für die Linke bedeutet hat.

12.11.16

Christian Kracht: Die Toten

Ich war tatsächlich überrascht, dass es Gegegenwartsliteratur gibt, die so gut konstruiert, so dicht formuliert, auch aufwändig recherchiert und dabei sehr unterhaltsam ist. Der Mann versteht sein Handwerk.

Wolfgang Herrndorf

























Das Bild auf dem Umschlag ist von der Hand des Autors und hing lange an der Wand über seinem Schreibtisch, wie die Herausgeber seines Romanfragments "Bilder deiner großen Liebe" schreiben. Zu diesem Landschaftsgemälde passt z.B. das 25. Kapitel:
Ich gehe im Tannenwald bergan. Vor Hunger komme ich kaum noch voran. Es zerrt an meinen Eingeweiden. Es klappt mich zusammen. Ich reiße Blätter von Sträuchern ab, stopfe sie in den Mund und spucke sie wieder aus. Ich probiere weiter Bäume und Sträucher und Gräser, bis ich etwas finde, das einigermaßen schmeckt. Darauf  kaue ich herum. Aber viel hilft es nicht.
Als ich auf einen Wanderweg stoße, warte ich, bis Wanderer vorbeikommen. Ich frage sie nach Essen. Sie starren auf meine nackten Füße. Ein Mann fängt an mir Fragen zu stellen. Ich sehe, wie zwei andere ihre Handys rausholen. Sie schauen sich besorgt an, dann sehen sie mich an, dann steckt einer sein Handy wieder ein. Ich sage dem anderen, dass er das Handy auch wegstecken kann.
"Da im Tal", sage ich. "Da wohn ich. Da bin ich rauf. Ich hätte frühstücken sollen. Vor dem Bergsteigen muss man immer frühstücken.
Einige glauben mir, andere nicht. Eine Frau tritt an den Rand, sieht kein Haus und will die Polizei rufen. Ein Mann schüttelt den Kopf.
Ich nehme die Brote, die er mir hinhält, und gehe.
"Kannst wenigstens Danke sagen".
Nachdem ich alles gegessen habe, steige ich wieder in den Wald, weiter bergan.
Hinter einem Gebüsch stolpere ich über einen Kadaver. Eine Wolke Fliegen rauscht vor mir hoch. Ich nehme den Ellenbogen vors Gesicht. Da liegt ein Rehbock in einer Pfütze aus schwarzem Blut und ohne Augen. (...) (S. 99 f.)

Filme

Das Tagebuch der Anne Frank, 2016, Regie: Hans Steinbichler
Der Film ist konventionell aufgebaut, aber er macht eindrücklich klar, dass das Tagebuch von Anne Frank kein historisches Sachbuch, sondern ein Adoleszenzroman ist, zudem von einer sehr talentierten Schriftstellerin.

Vor der Morgenröte, 2016, Regie: Maria Schrader
Ein sehr gelungenes Stück zum Verhältnis von Kunst und politischem Engagement.
Einem Journalisten sagt Stefan Zweig: "Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungssüchtig." Im Anschluss an den Film habe ich Zweigs historische Miniatur über Napolenons Niederlage 1815 gelesen, "Die Weltminute von Waterloo".

Polizeiruf 110: Wölfe, 2016, Regie: Christian Petzold
Der Plot ist einfach, aber die Story ist gut. Zurückhaltend und dadurch wirksam setzt Petzold die Musik ein.

Tabus über dem Lehrberuf



1963 hielt Adorno den Vortrag Tabus über dem Lehrberuf, in dem er einige Motive der Abneigung gegen den Lehrberuf skizzierte:

  • Der Lehrer ist der Nachkomme von griechischem Sklaven, Mönch, Schreiber und Hofmeister.
  • Er hat sich anders als die freien Beruf nicht in der Konkurrenz zu bewähren.
  • Man nimmt seine Macht, da er sie nur über Kinder ausübt, nicht ernst.
  • Alle Pädagogik hat das Problem, dass „die Sache, die man betreibt, auf die Rezipierenden zugeschnitten wird, keine rein sachliche Arbeit um der Sache willen ist.“
  • Lange Zeit übten Lehrer körperliche Gewalt aus.
  • Man betrachtet ihn, „weil er in eine Kinderwelt eingespannt ist“, auch in erotischer Hinsicht nicht als Erwachsenen.
  • Man wirft ihm Weltfremdheit vor.
  • „Die Zivilisation, die er ihnen antut, die Versagungen, die er ihnen zumutet, mobilisieren in den Kindern automatisch die imagines des Lehrers, die im Laufe der Geschichte sich angehäuft haben.“
  • „Es ist darum so verzweifelt schwer für die Lehrer, es recht zu machen, weil ihr Beruf ihnen die in den meisten anderen Berufen mögliche Trennung ihrer objektiven Arbeit (…)vom persönlichen Affekt verwehrt.“

26.09.16

Geschichtsfeindlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft



Diese deutsche Entwicklung, flagrant erst nach dem Zweiten Weltkrieg, deckt sich aber mit der seit Henry Fords “History is bunk” bekannten Geschichtsfremdheit des amerikanischen Bewußtseins, dem Schreckbild einer Menschheit ohne Erinnerung. Es ist kein bloßes Verfallsprodukt, keine Reaktionsform einer Menschheit, die, wie man so sagt, mit Reizen überflutet ist und mit ihnen nicht mehr fertig wird, sondern es ist mit der Fortschrittlichkeit des bürgerlichen Prinzips notwendig verknüpft. Die bürgerliche Gesellschaft steht universal unter dem Gesetz des Tauschs, des „Gleich um Gleich“ von Rechnungen, die aufgehen, und bei denen eigentlich nichts zurückbleibt. Tausch ist dem eigenen Wesen nach etwas Zeitloses, so wie ratio selber, wie die Operationen der Mathematik ihrer reinen Form nach das Moment von Zeit aus sich ausscheiden. So verschwindet denn auch die konkrete Zeit aus der industriellen Produktion. Diese verläuft immer mehr in identischen und stoßweisen, potentiell gleichzeitigen Zyklen und bedarf kaum mehr der aufgespeicherten Erfahrung. Ökonomen und Soziologen wie Werner Sombart und Max Weber haben das Prinzip des Traditionalismus den feudalen Gesellschaften zugeordnet und das der Rationalität den bürgerlichen. Das sagt aber nicht weniger, als daß Erinnerung, Zeit, Gedächtnis von der fortschreitenden bürgerlichen Gesellschaft selber als eine Art irrationaler Rest liquidiert werden, ähnlich wie die fortschreitende Rationalisierung  der industriellen Produktionsverfahren mit anderen Resten des Handwerklichen auch Kategorien wie die der Lehrzeit, also des sich Erwerbens von Erfahrung, reduziert. Wenn die Menschheit der Erinnerung sich entäußert und sich kurzatmig erschöpft in der Anpassung ans je Gegenwärtige, so spiegelt sich darin ein objektives Entwicklungsgesetz.

Aus: Theodor W. Adorno, Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit. Zitiert nach: Theodor W. Adorno, Erziehung zur Mündigkeit, Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959-1969, herausgegeben von Gerd Kadelbach, Frankfurt am Main 1982, S. 13.
(Dieser Absatz entstammt dem ursprünglichen Vortrag von 1959. Er fehlt in der gedruckten Fassung von 1963.)

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