Walter Benjamin

Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.
Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band I, Seite 1241.

20.01.18

Frederic Rzewski

Das Lied "winnsboro cotton mill" durfte ich in der Version von Frederic Rzewski gespielt von Herbert Schuch unerwarteter Weise gestern im Konzerthaus hören und sehen.
"Frederic Rzewski uses the melody of this industrial folk song as the basisfor the last of his Four North American Ballads for solo piano, which hecompleted in 1979." Schreibt Kathryn Woodard.




When I die don’t bury me at all
Just hang me up on the spoolroom wall.
Place a knotter in my hand
So I can keep on spoolin’ in the Promised Land.

I got the Blues, I got the Blues,
I got the Winnsboro Cotton Mill Blues.
Lordy, Lordy, spoolin’s hard.
You know and I know, I don’t have to tell,
Work for Tom Watson, got to work like hell.

I got the Blues, I got the Blues,
I got the Winnsboro Cotton Mill Blues. 

—“Winnsboro Cotton Mill Blues”


20.12.17

Michael Haneke: Happy End (2017)

















Der Zuschauer schaut mit Pierre Laurent auf seine Familie, seine Familie schaut zu ihm. Er bleibt auch in dieser Schlussszene ohnmächtig gegen die Antihelden
Der Film ist noch subtiler, minimalistischer und düsterer als die anderen mir bekannten Haneke Filme.

19.12.17

Theresia Enzensberger: Blaupause

Der Stil ist der Ich-Erzählerin angemessen. Die Schilderung der Johannes Itten-Bewegung ist sicherlich allen ehemaligen Teilnehmern politischer oder religiöser Jugendbewegungen nachvollziehbar. Der Roman wird immer besser, beginnt mit Understatement. Der Anhang, der die Hauptfigur als Person der Realgeschichte ausweist, verstärkt die Wirkung noch. Aber Warum?

17.10.17

Science Fiction

Mein erster 3D-Film: Blade Runner 2049 (Regie: Denis Villeneuve, 2017) hat Georg Seeßlen, in seiner kurzen, lesenswerten Besprechung in der Printausgabe der ZEIT als "Science Fiction Noir" bezeichnet, was es trifft, denn der Film ist vorallem düster.
Ex Machina (Regie: Alex Garland, 2015) überzeugt mit einem Frankenstein als Hipster. Wie Blade Runner 2049 erklärt der Film den Freiheitswillen zu dem Merkmal, das zum Menschen macht.

Genrekino

Eine Doku über die deutschen Bahnhofskinos ("AKIs"), in denen in den 50er und 60er Jahren hauptsächlich Genre-Filme liefen, brachte mich auf die Idee, einen Grusel- und einen Action-Klassiker anzuschauen. Die Brut (1979) von David Cronenberg und Assault on Precinct 13 (1976) von John Carpenter.
Ersterer lebt vom Kontrast zwischen skandinavisch, herbstlicher Landschaft, friedlichen Beige- und Brauntönen des Interieurs und der Architektur, gemütlichen Hippie-Frisuren (der Protagonist fährt Volvo) und dem Schrecken, der in diese 70er Jahre Welt fährt. Es scheint außerdem ein im Horrorfilm übliches Motiv zu sein (Rosemaries Baby; Possession), dass Frauen das Böse gebären.
Assault on Precinct 13 ist ein Actionfilm, der den Namen verdient. Von John Carpenter sind auch Drehbuch, Schnitt und die geniale Musik gemacht. Ich bin gespannt auf den Roman Die Farm von Max Annas, der sich angeblich an diesem Film orientiert.

10.10.17

Valeska Grisebach: Western

Es ist eigentlich ein Geniestreich alle Motive des Western (Frontier, Fahne, abendliche Tanzveranstaltung im Freien, Dorf, einfache Abenteurer, Fluss, Landschaft, Pferde, Messer, Gewehre, Faustkampf, der Blick auf die Ureinwohner ("Dorfis"), Anpirschen, Lauschen, Männerfreundschaft und Rivalität, Frau als Besitz der Gruppe, Clan, Kriegsname,...) in einen ganz gegenwärtigen Film zu packen und den dann Western zu nennen.

Richard Sorge




















Isabel Kreitz: Die Sache mit Sorge, Stalins Spion in Tokio, Carlsen Verlag, Hamburg 2014.

Dieses spannende Buch über die letzten Monate des kommunistischen Agenten Richard Sorge ist in genau dem Comic-Stil gezeichnet, den ich mag, vielleicht kann man ihn klassisch oder realistisch nennen. Jedenfalls orientieren sich die Zeichnungen an Fotos und sind detailversessen gestaltet. Als Beispiele fallen mir nur Hal Foster und Florenco Clavé ein.

J.D. Vance

Die Hillibilly-Elegie von J.D. Vance kann man wegen der zahlreichen Anekdoten aus dem Millieu der us-amerikanischen, weißen, ehemaligen Arbeiter flüssig weglesen. Es bedient womöglich die voyeuristische Ader, wegen der man auch Filme von Ulrich Seidl anschaut. Das Buch enthält sich, entgegen der Ankündigung im Klappentext, fast aller politischer Wertungen, ist einfach autobiografisch. Einen Tick zu sehr erhalten so die Möglichkeiten des Einzelnen Gewicht. Zugleich ist es ja aber sympatisch, dessen Freiheit zu betonen.

Film Noir

In allen drei Filmen töten die Protagonisten für (im Falle von la femme infidèle: wegen ) Frauen.
Am radikalsten und besten ist der Film mit Michel Piccoli und Romy Schneider. Es geht um ein Duell zwischen Idealismus und Pragmatismus. Zwar fehlen Provinz und Idylle, über die das Unglück hereinbrechen könnte, weil der Protagonist aber Kommissar ist, ist der Film gar nicht soweit weg von den Noir Filmen der 40er und 50er Jahre. Deneuve und Belmondo erinnern an Bonny und Clyde.
Der Film von Chabrol ist eine der Studien über die bürgerliche Familie, für die er bekannt wurde.















Das Mädchen und der Kommissar (Max et les ferrailleurs), Regie: Claude Sautet, 1971.
Michel Piccoli: Max
Romy Schneider: "Lili" /Julia Anna Ackermann


















Das Geheimnis der falschen Braut (La sirène du Mississippi), Regie: François Truffaut, 1969.  Catherine Deneuve als Julie Roussel/Marion Vergano
Jean-Paul Belmondo als Plantagenbesitzer Louis Mahé
Michel Bouquet in der Rolle des Privatdektetivs Comolli





















Die untreue Frau ( La femme infidèle) Regie: Claude Chabrol, 1969.
Michel Bouquet als Charles Desvallées
Stéphane Audran als Hélène Desvallées


10.08.17

Am Abend aller Tage

Am Abend aller Tage, Regie: Dominik Graf (2017)
Formal ein Thriller, da es durchaus spannend ist, ob Philipp Keyser das Bild, das er suchen soll, finden wird und wie skrupellos er dabei vorgeht. Sein Schauspiel, als er Alma kennenlernt, erinnert an "Der talentierte Mr. Ripley"/"Nur die Sonne war Zeuge". Überflüssig für den Plot fand ich, dass Alma in einer der letzten Szenen eine schwere Krankheit preisgibt.
Inhaltlich thematisiert der Film die deutsche Geschichte - anhand der Gemälde aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der Villa, in der sie Lagern, aus seiner zweiten Hälfte. Die gelungenen Dialoge zwischen Magnus Dutt und Philipp über Kunst und Eigentum finden vor diesem Hintergrund statt.

21.06.17

Franz Dobler: Ein Schlag ins Gesicht

Die Fortsetzung von "Ein Bulle im Zug". Robert Fallner ist inzwischen Privatdetektiv. »grandiose Dialoge, filmreife Szenen und eine tragische Geschichte. Das Buch ist eine Liebeserklärung an Hard-Boiled-Detektivgeschichten, 70er Jahre BRD-Trash-Kultur, Debbie Harry und geheimes Wissen. Der Stoff, aus dem Legenden sind.« Joachim Schneider, Badische Zeitung, 3.12.2016

Blondie: https://www.youtube.com/watch?v=WGU_4-5RaxU
Doku über Dobler (45 Minuten):  https://www.youtube.com/watch?v=1Y8wKpVt5tY

Komödien

Irrational Man, Regie: Woody Allen, 2015
Mit Joaquin Phoenix in der Hauptrolle; Er spielt den Philosophieprofessor Abe Lucas, der am Sinn seines Fachs zweifelt und erst zu Optimismus und Libido zurückfindet, als er einen Mord plant. Was lustig anzuschauen ist. Eine gelungene Satire auf Universitätsbetrieb, Intellektuelle und Selbsterhöhung qua (Moral-)Theorie.

Toni Erdmann, Regie: Maren Ade, 2016
Hier treffen zwei Welten aufeinander: Die Welt des Musiklehrers Winfried Conradi alias Toni Erdmann und die der Unternehmensberaterin Ines Conradi, seiner Tochter. Da ist etwas Wahres dran, dass die Leute in ganz unterschiedlichen Milieus leben. Es gibt starke Szenen (Schüler kündigt Klavierunterricht, Ines und Tim) aber auch kitschige (Besuch bei rumänischer Familie, Versöhnung nach Nacktparty).

14.04.17

Inside Llewyn Davis

Inside Llewyn Davis, USA 2013, Regie: Joel David und Ethan Jesse Coen

100 Minuten reichen durchaus, eine gute Geschichte zu erzählen. Autos, Interieur, Mode, Verhaltensweisen tragen was dazu bei. Gute Musik und gute Schauspieler, was in diesem Fall zusammenhängt, tun was dazu. Entscheidend ist hier aber, dass und wie der Film einen Scheiternden in den Mittelpunkt stellt - mit ihm, nicht über ihn lachend.

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